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Frédéric Chopin

The Mystery Of Chopin

Paul Rhys, Penelope Wilton, Valentina Igoshina u.a.

Arthaus/Naxos 100 176
(167 Min., 1999) Dolby digital, PCM-Stereo; PAL 16:9

Chopins Klaviermusik ist die eine Seite. Die andere: Obszöne Briefe des Komponisten an seine Schülerin und Geliebte Delfina Potocka. Würden solche Dokumente heute auftauchen, man nähme sie nicht ohne Sensationsgier zur Kenntnis – und ginge dann zur Erforschung über.
Im Polen des Jahres 1945 war das freilich anders: Als eine Dame bei einem regimetreuen Chopin-Biografen auftaucht, sich als Urenkelin der Potocka entpuppt und die bis dahin unbekannten Briefe präsentiert, passt das den kommunistischen Machthabern in Polen nicht: Gerade hatte man in Chopin den Nationalhelden gefunden, den man dringend brauchte. Und nun musste man sich mit Briefen auseinandersetzen, in denen Chopin nicht nur mit den schlimmsten Schimpfwörtern gegen Zeitgenossen (zum Beispiel Liszt) wettert, pornografisch den Körper seiner Geliebten beschreibt und auch noch seinem Unmut über jüdische Verleger Luft macht. Das Bild des Patrioten, der auf all seinen Reisen einen Becher Heimaterde mitgeführt haben soll, ist angekratzt – und das Ende fast voraussehbar. Die Urenkelin Paulina Czernicka kam prompt an Chopins 100. Todestag, am 17. Oktober 1959 ums Leben. Offizielle Todesursache: Selbstmord.
Tony Palmers Film verläuft in zwei parallelen Handlungssträngen: In dem einen erzählt er schwarzweiß die zum Scheitern verurteilten Versuche von Paulina Czernicka, ernsthafte Interessenten für ihre Dokumente zu finden, im anderen erlebt man farbige Bilder aus Chopins Leben. Das Ganze verläuft in schwermütiger Langsamkeit und mit oft kitschigem Musikeinsatz – zum Beispiel wenn bei Frau Czernickas Verhaftung die Akkorde des „Trauermarsches“ donnern.
Die Schauspieler wirken in all der Schicksalhaftigkeit mit ihren stoischen Gesichtern distanziert, die Szenen sind so konsturiert, dass es manchmal ans Lächerliche grenzt – etwa, wenn Bauern in der polnischen Revolution das Schloss eines im Schlafrock im Schneckentempo durch die Gemächer flüchtenden Erzherzogs stürmen.
Ganz sicher hört man Chopins Musik nach diesem Film nicht neu - auch wenn der PR-Text es verheißt. Er ist der Held des Klaviers geblieben, der er war. Ob die Briefe an Dolphina echt sind, weiß bis heute niemand. Und so bleibt uns (leider) auch der pornografische Chopin verwehrt. Immerhin entschädigt die im Film für den Klavierton sorgende Valentina Igoshna mit einem schönen Konzertteil.

Oliver Buslau, 10.05.2001



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