Untrennbar mit Mascagnis "Cavalleria rusticana" zusammengekettet, ist diese Oper die Zweitgeborene der "Verismus"-Zwillinge. Ermutigt vom Erfolg der "Cavalleria" schrieb Leoncavallo für den gleichen Verleger 1892 innerhalb von nur fünf Monaten diesen kurzen Zweiakter. Ein Jugenderlebnis regte den Komponisten an: Er hatte 1865 in einem kalabrischen Dorf gesehen, wie ein Komödiant hinter der Bühne aus Eifersucht seine Frau umgebracht hatte. Um dieses Erlebnis baut er seine Handlung, die genauso leidenschaftlich und roh wie Mascagnis sizilianisches Bauerndrama zu sein scheint.
Doch Leoncavallo, der seine Texte selbst dichtete - er konnte dies glänzend, Wagner selbst hatte ihn bei einer Begegnung dazu ermutigt -, blickte zugleich tief in das Verhältnis von Kunst und Leben. Im zweiten Akt findet ein Bühnenspiel statt, eine Oper in der Oper, und deren derbe Komödienhandlung von Ehebruch und Eifersucht deckt sich so mit dem Betrug, dem Bajazzo/Canio im ersten Akt auf die Spur gekommen ist, dass der gehörnte Ehemann im Spiel nur ein Bild der Wirklichkeit erkennt. Je lebensnaher der arme Bajazzo leidet und tobt auf der Bühne, er spielt ja längst nicht mehr, desto mehr bewundert ihn das Publikum dafür. Bewundert ihn gar nicht mehr für die Kunst. Und dann bricht das rohe Leben ein, fällt er aus der Rolle und tötet Frau und Nebenbuhler.
"La comedia e finita", sind die berühmten letzten Worte des "Bajazzo". Die Musik, am Beginn noch zirkushaft schmetternd, wird erst zopfig und galant in diesem Spiel im Spiel, doch die echte Leidenschaft Canios zersetzt diese Stilkopie immer mehr, und die immer bedrohlichere Musik malt dieses "Hinübertreten" erregend. Diese Doppelbödigkeit ist wahrlich artistischer, als es die Rede vom "Verismus-Schlager" und die Entsetzensrufe bei der Premiere ("Decadenza!") vermuten ließen.
Die Rolle der ehebrechenden Nedda ist keine der großen Maria-Callas-Partien, aber eine sehr vielschichtige. Während ihr Mann sie auf der Bühne bedroht, versucht Colombina/Nedda den Schein noch aufrechtzuerhalten, fortzuspielen. Doch flackernd wie die Callas das singt, merkt man, dass auch Nedda an die Kraft ihres Spiels nicht mehr glaubt. Ein Faszinosum, wie sie diese Figur in ein paar Tönen zusammenbrechen lässt. Der Bajazzo Tullio Serafins erforscht weniger die Macht der glühenden Leidenschaften als vielmehr die Brüchigkeit einer Kunstwelt.
Unglaublich glühend, mit schneidendem Schwung, ist die Aufnahme von Francesco Molinari-Pradelli mit Mario del Monaco und Gabriella Tucci. Sie bietet die strahlendere Roheit ungebremster Emotionen. Beim legendären "Lache, Bajazzo", der ekstatischen Arie mit dem berühmten Caruso-Schluchzer am Ende des ersten Aktes, geht del Monaco über jene Grenzen, wo man sich fragt, ob er hier aus der Kunst heraus in eine andere, erschreckend eindringliche Welt hinübergetreten ist. Was spielt er noch? Das ist Bajazzo-Frage.

Matthias Kornemann




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