Tragik über Tragik. Das "Gesetz des Lebens", wonach die Entscheidung für das eine Gebot ein Schuldigwerden gegen das andere bedeutet, durchzieht Michael Tippetts "King Priam" vom beklemmenden Anfang bis zum blutigen Ende. In Homers "Ilias", aus der sich der Pazifist Tippett szenenartig sein Libretto zusammengestellt hat, wird dem trojanischen König geweissagt, sein neugeborener Sohn Paris werde ihm den Tod und Troja das Verderben bringen. Als liebender Vater will Priamos den Sohn natürlich leben, als verantwortungsvoller König muss er ihn töten lassen. Unvorhergesehenerweise überlebt Paris, Priamos schont ihn – und das Unheil nimmt seinen Lauf: Der junge Prinz verliebt sich in Helena, die Frau des griechischen Königs Menelaos, bringt diese nach Troja – das blutüberströmte Ende aller Helden, hüben wie drüben, ist bekannt. Keine leichte Kost also, auch musikalisch nicht. In seinem 1962 uraufgeführten, dreiaktigen Schlüsselwerk verabschiedet sich Tippett von seiner harmonisch relativ moderaten modernen Tonsprache, die etwa im Oratorium "A Child of Our Time" ihre bekannteste Ausprägung fand. Hier nun: eine weitgehend atonale, karge, schroffe Handschrift, harsche klangfarbliche Kontraste und als Formprinzip kurze dramatische Szenen, die durch kommentierende Zwischenspiele à la Weill/Brecht verbunden werden. Das beeindruckt ungemein – jedenfalls in der von Roger Norrington scharf konturierten, in jeder Rolle makellos besetzten Aufführung der Kent Opera von 1985. Da die exquisite Sängerriege auch schauspielerisch mitreißend agiert, zieht Nicholas Hytners mitunter drastische Inszenierung den Hörer/Zuschauer geradezu soghaft in den Bann. 23 Jahre nach ihrer Entstehung ist die intime Studioverfilmung nun endlich auf DVD erhältlich – und wird wohl noch auf lange Zeit die mustergültige Präsentation dieses zeitlos aktuellen Antikendramas der englischen Opernbühne bleiben.

Christoph Braun, 21.03.2008



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