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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI Classics 5 01228-2
(82 Min., 10/2007) 2 CDs

Vor allen bedeutungsschwangeren Fragen nach Mahler’schem Tonfall, Weltschmerz und Abschied dieser neuen Neunten sollte zunächst einmal nur Staunen sein: Staunen über diese orchestrale Akrobatik, über diese stupende Virtuosität an jedem der gut hundert Pulte, die sich geradezu traumwandlerisch sicher zusammenfügen zu jenem unvergleichlich flexiblen und homogenen Klangkörper, der die Berliner Philharmoniker zum Mahlerorchester schlechthin macht. Das offenbaren die komplexen konzertant-solistischen Passagen der gigantischen Ecksätze und mehr noch die aberwitzige Rondoburleske, Mahlers wohl genial-verrücktester Einfall: kaum vorstellbar, dass dieses fratzenhafte Hexensabbats-Getöse im anspruchsvollsten fugiert-polyfonen Gewand noch hinreißender zu inszenieren wäre. Was darauf folgt, ist bekanntlich einer der markantesten Brüche der Kompositionsgeschichte: mit einfachsten Mitteln (wie dem schier endlos gedehnten Doppelschlag) stimmt Mahler seinen Abschiedsgesang an – zu seinem eigenen heraufdämmernden Ende wie zu dem der alten, Dur-Moll-tonalen Musikgeschichte. Allerdings sollte darin alles noch einmal erglühen, was bald verglühen muss – und da stellt sich nolens volens als Maßstab der Mahlerexegese Bernstein ein, der 1975, ebenfalls in der Berliner Philharmonie, einen wahrhaft existentiellen Herz- und Weltschmerz hinterließ. Oder aber man gesellt sich zu den "Objektiven", die wie beispielsweise Bruno Walter oder Rafael Kubelik apodiktisch-nüchtern, gerade darin beklemmend, das unabwendbare Nichts heraufbeschworen haben. Rattle bleibt – leider? – unentschieden, im gedehnten Tempo und vibrierend-aufwühlenden Streicherklang folgt er Bernstein, im eher beiläufigen Abschiedsgestus jenen "Objektiven". Man mag dies als falschen Mittelweg bekritteln oder als Spezifikum des Briten preisen. Wer es bedauert, der bedauert allerdings auf höchstem Niveau.

Christoph Braun, 18.04.2008



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