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Das Reichsorchester - Ein Film von Enrique Sánchez-Lansch


Arthaus/Naxos 101 452
(100 Min., 2007) 1 DVD

Ein Skandal, der offenbar nur Achselzucken hervorruft. Wie bereits das kürzlich erschienene Buch Misha Asters wirft die ebenfalls mustergültig geratene DVD "Das Reichsorchester" von Enrique Sánchez-Lansch zunächst die Frage auf: Warum wird ihr Thema: "Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus" erst heute, gut 60 Jahre danach, zum Thema? Nur weil das Orchester 2007 sein 125-jähriges Bestehen feiert?! Oder weil nahezu alle damaligen Aktiven inzwischen verstorben sind?! Jene Frage irritiert umso mehr, als der Film zeigt, dass das deutsche Vorzeigeorchester kein einfaches "Naziorchester" war. Denn nur rund ein Dutzend Philharmoniker waren Parteigenossen, gerade mal fünf davon linientreue, die überwiegende Mehrzahl dagegen "Mitläufer". Gleichwohl: Die Philharmoniker ließen sich im Ausland zum zentralen kulturellen Aushängeschild und im bald zerbombten Inland (neben dem Film) zum NS-Propaganda- und Durchhaltemittel par excellence erheben. Goebbels, der das finanziell kollabierende Ensemble 1933 durch Verstaatlichung rettete, wusste sich die Elitemusiker gefügig zu machen: alle waren uk-gestellt, also vom Kriegsdienst befreit und mit zahlreichen Privilegien bedacht. Folglich protestierte keiner, als jüdische Kollegen plötzlich entlassen wurden, emigrieren mussten oder – wie es intern hieß – "ins Konzertlager" mussten. Untertänigst war der Tonfall, mit dem die Geschäftsführung bekundete, man habe bereits seit 1930 keine jüdischen Musiker mehr aufgenommen! Wenigstens eine Spur von Scham lässt der heute 97-jährige, von Sánchez-Lansch interviewte Hans Bastiaan erkennen, wenn er von seinen Privilegien im zerbombten Berlin erzählt. Auch hat er sich nie gefragt, von wem seine wertvolle Geige stammte, die das NS-Ministerium ihm überlassen hatte. Man war halt "apolitisch", lebte wie "unter einer musikalischen Glasglocke", dachte an das nächste Konzert und die frenetischen Erfolge, die man überall in Europa feierte. Ausschnitte von NS-Werkskonzerten und Hitler’schen Geburtstagsfeiern unter Furtwängler und Knappertsbusch bezeugen diese Erfolge. Umso deutlicher vermittelt der Film in seiner unaufgeregten, moralinfreien Art den Abgrund zwischen diesen mitreißenden Kunsterlebnissen und ihrer staatsterroristischen Indienstnahme mittels naiver, ängstlicher oder/und nur der hehren Frau Musica dienender Musiker. Leider unterlässt Sánchez-Lansch abschließend einen Hinweis auf jenen jahrzehntelang allein herrschenden Nachkriegsmaestro, der – bei allen Verdiensten – eines nie zugelassen hätte, wenn es denn Thema geworden wäre: Geschichtsaufklärung. Schon aus Selbstschutz heraus hätte Karajan mit dem Rücktritt gedroht, und alle hätten weiter geschwiegen.

Christoph Braun, 18.04.2008



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