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Angelo Poliziano

La Fabula di Orpheo

La Compagnia dell'Orpheo, Francis Biggi

K 617/Harmonia Mundi K 617200
(70 Min., 7/2007) 1 CD

Wie neu war die Erfindung der Oper wirklich? Diese Frage stellt Francis Biggi mit seiner vollständig gesungenen Rekonstruktion des Orpheusdramas von Angelo Poliziano (1454-1494) ziemlich nachdrücklich. Entstanden ist das Stück, zu dem auch Leonardo da Vinci Bühnenmaschinen beisteuerte, schließlich über 120 Jahre vor der Entstehung der neuen Gattung Oper. Biggis Rekonstruktion basiert nun allerdings auf Vermutungen: Zwar weiß man, dass in Polizianos Stück gesungen wurde, aber ob dies durchgängig geschah und wie diese Musik klang, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Biggi hat sich bei der musikalischen Unterlegung des Textes von einer archaischen Art des "Poetry Slam" inspirieren lassen, die über Jahrhunderte in Italien lebendig blieb und gerade in den letzten Jahren eine eigene Renaissance erlebt. Bei diesem Improvisieren von "Ottave rime" werden elfsilbige Verse, wie sie schon Poliziano gebrauchte, in einer Art Psalmodie auf überlieferten melodischen Formeln improvisiert. Biggi und seine Mitstreiter suchten und fanden Spuren dieses Deklamationsstils in der überlieferten mehrstimmigen Musik des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, so vor allem der damals populären Frottola. Diese Kompositionen, die man auch zum Teil bei Paul van Nevels früherem Rekonstruktionsversuch der Fabula findet, bilden zusammen mit den Deklamationen und einigen Tänzen die Musik des Stücks. Trotz oder gerade wegen der Schlichtheit der wiederholten melodischen Grundmuster entfaltet der Text – im Beiheft leider nur in französischer Übersetzung mitgeteilt – eine erstaunliche Wirkung; die Aufmerksamkeit wird dabei noch nicht auf einzelne, schnell wechselnde Affekte, sondern je nach verwendetem Melodiemuster auf Grundstimmungen gelenkt. Ob authentisch oder nicht: Das Projekt bietet eine glaubwürdige Vorstellung davon, wie ein Missing Link im Grenzbereich zwischen Ritual und Theater, Oper und Schauspiel, Mittelalter und Renaissance geklungen haben mag. Mögen die jungen ernsthaften Interpreten dabei vielleicht auch etwas zu weise auf den volkstümlich deftigen Ton der italienischen Rezitationstraditionen verzichten, wie sie heute gepflegt wird: angenehm zu hören und ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der historischen Aufführungspraxis ist das Ergebnis allemal.

Carsten Niemann, 30.05.2008



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