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Johann Sebastian Bach

Frühwerke

Andreas Staier

Harmonia Mundi HMC 901960
(65 Min., 9/2006) 1 CD

Staier brilliert, Staier schwelgt, Staier tobt und wütet – Staier präsentiert mit Leidenschaft einen jungen, ungestümen und selbstbewussten Johann Sebastian Bach, und er hat das richtige Instrument dafür unter den Fingern: Ein herrlich schwerblütiges, volltönendes, farbenreiches Cembalo von Anthony Sidey, Nachbau eines heutigen Museumsstücks aus der Werkstatt von Albrecht Hass (1689-1752). Öfters bekommen wir in letzter Zeit wieder solche Cembali zu hören, explizit von Vertretern der historisierenden Aufführungspraxis; eine spannende Entwicklung, waren doch "orgelnde" Cembali lange Zeit verpönt. Wenn wir ihren überaus sinnlichen Klang nun von kompetenter Hand hervorgebracht erleben dürfen, dann ist es, als schlösse sich ein Kreis: Historische Aufführungspraxis muss, auch in dieser Sparte, heute nicht mehr mager und schwindsüchtig klingen.
Auch oder gerade der Bachkenner wird angesichts dieses Programms das eine oder andere Mal staunen: Vor allem beim Erklingen der "Suite a-Moll BWV" 818a, einem herrlich kantigen und atemberaubend virtuosen Stück, dem man eigenartigerweise sonst nur sehr selten begegnet. Dann bei der Choralpartita "O Gott, du frommer Gott" BWV 767: Die kennt man eigentlich nur als Orgelstück, aber warum nicht auch mal auf dem Cembalo? Eine zumindest interessante Version. Und schließlich das "Capriccio sopra la lontanza del fratello dilettissimo" BWV 992, ein Stück ungeschminkter Programmmusik, das schon vor Jahrzehnten per Schott-Einzelausgabe Eingang ins häuslich-bürgerliche Musizieren gefunden hat und in dieser kreativen Darbietung ganz neue Seiten offenbart. Eine überaus hörenswerte CD also: Besonders das Klangerlebnis bewirkt beim Hörer eine innere Ausdifferenzierung, eine maßgebliche Bereicherung seines Bachbildes, denn es lässt Rückschlüsse zu auf das, was Bach selbst beim Musizieren erlebt hat und was ihn inspirierte.

Michael Wersin, 30.05.2008



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