Das "Te Deum" von Walter Braunfels (1882-1954), entstanden 1920/21, ist eine überaus eindrucksvolle, differenzierte, farben- wie nuancenreiche Vertonung eines uralten liturgischen Textes mit sinfonischen Mitteln; sie kann aufgrund ihrer hohen Qualität und Aussagekraft neben anderen großen Vertonungen desselben Textes ohne Weiteres bestehen. Das Werk entstand in einer Zeit, als der Ludwig-Thuille-Schüler und Wagnerverehrer Braunfels noch nichts ahnen konnte von der doppelten Verfemung, die ihn als "Halbjuden" und tonal Komponierenden bald treffen sollte: Während der Nazizeit verlor er seinen Posten als Direktor der Kölner Musikhochschule und wurde – mittlerweile ein erfolgreicher Opernkomponist – mit einem Aufführungsverbot belegt, das ihn in die innere Emigration trieb. Nach dem Krieg galten seine Werke als zu reaktionär; in einer Atmosphäre radikaler Neutönerei wurden die Werke Braunfels’ und vieler ähnlich disponierter Zeitgenossen, die eigentlich das Recht auf künstlerische Rehabilitierung gehabt hätten, ein weiteres Mal abgelehnt, und ihre Schöpfer erfuhren erneut Ablehnung und Spott. Mittlerweile ist die Renaissance der tonalen Musik des 20. Jahrhundert längst in vollem Gange – zu spät freilich für die Meister der Generation Braunfels.
Manfred Honeck und die hochqualifizierten schwedischen Musiker widmen sich mit höchster Kompetenz und Leidenschaft dem Werk des unterbewerteten Deutschen; gebannt lauscht man mit dem Textheft in der Hand dieser hervorragenden Einspielung, lässt sich auf Basis einer erstklassigen Interpretation durch Braunfels’ profunde Deutung des großen Textes führen – ein wahrhaft erschütterndes Erlebnis für jeden, den künstlerisches Ringen um eine Annäherung an die allerhöchsten Dinge nicht kalt lässt.

Michael Wersin, 06.06.2008



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