Das geistreiche Lästermaul Shaw geißelte vor gut 100 Jahren die scheinheilige Sentimentalität der Mendelssohn’schen Oratorien. Längst sind wir heute zu einer gerechteren Einschätzung gekommen, die auch und gerade die geniale dramatische Konzeption der Werke betont. Ausgerechnet Frieder Bernius‘ Neuaufnahme des "Elias" lässt nun wieder die Frage aufkommen, ob Shaw wirklich so ganz im Unrecht war. Ausgerechnet diesem Elite-Chorleiter, dem bei aller technischen Brillanz nicht selten mangelnde innere Emphase attestiert wird, ist Sentimentalität vorzuwerfen?! Nun ist ein Dirigent zwar nicht direkt verantwortlich für die Leistung seiner Solisten, erst recht nicht bei derart renommierten wie Michael Volle und Werner Güra; aber so viel Romantizismus, ja Rührseligkeit, wie beide ihren Partien mitgeben, stört dann doch. Schon den prägnanten Werkbeginn gießt Volle in ein vergleichsweise mildes Licht. Statt zornig anzuklagen, wie es sich für einen Propheten des Alten Testaments gehört, der einem Racheengel gleich sein gottlos gewordenes Volk verflucht, scheint dieser Elias vielmehr sich selbst zu bejammern. Und wenn Güra in der lyrischen Arie "So ihr mich von ganzem Herzen suchet" vor lauter Vibratoseligkeit seinem Elias-Gefährten Obadjah geradezu Tränen in die Augen schießen lässt, dann beginnt man auch an Mendelssohn wieder zu zweifeln. Aber gottlob nur kurz, denn neben den ansprechenden Solistinnen halten die Stuttgarter Ensembles dagegen – mit mitreißenden chorsinfonischen Szenarien voll alttestamentarischer Wucht und Bildergewalt. Wobei neben der Brillanz und schlanken Stimmführung des Kammerchores einmal mehr der überaus sorgfältig präparierte Orchesterpart besticht: derart üppig, bassfundiert und doch fein ziseliert kommt Mendelssohns meisterlicher Stimmsatz nur selten zur Geltung. Sogar mit einigen Rückenschauer-Momenten. Gleichwohl: Zum erwarteten Höhepunkt der durchweg exzellenten Bernius‘schen Mendelssohn-Einspielungen reicht es nicht.

Christoph Braun, 13.06.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

pwcphnbp
Richtig ist, dass der Chor hervorragende Stimmen hat. Alles sauber und bestens intoniert gesungen. Nur versteht man leider kein Wort. Richtig ist, dass Michael Volle eine enorme Stimme hat. Nur leider brüllt er zuweilen so sehr, dass man z.B. nach dem "Feuerwunder denken könnte, er würde zusammen mit den Baalspriestern geschlachtet. Richtig ist, dass es auch bezaubernde Seiten dieser Produktion gibt. Wo allerdings übermäßige Romantizismen oder gar triefende Sentimentalitäten zu finden sind, erschließt sich mir nicht. Richtig ist, dass das Orchester bestens vorbereitet spielt. Nur leider deckt es zumal mit den ballernden Pauken den Chor meistens volständig zu. Was im Übrigen auch für die Solistinnen gilt. Und die Orchesterschläge nach den Rufen "Gib uns Antwort" sind so geknallt und übertrieben zackig, dass sie einem vernünftigen Orchestertutti nicht gerecht werden. Und als eine der auffälligsten Inspirationen in dieser Aufführung ist das für eine Referenzaufnahme zu wenig. Kaum etwas, was hier neben den vollkommen aufgeführten Tönen seit Sawallisch unentbehrlich wäre. Schade.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Auf so eine Idee muss man erst mal kommen: Darius Milhauds 14. und 15. Streichquartett lassen sich einzeln oder aber gleichzeitig spielen – als Streichoktett. Dieses absurd anmutende Pasticcio-Projekt kann man auf dieser Milhaud-CD des Quatuor Parisii nachhören, das sich für die Oktett-Version Verstärkung durch das Quatuor Manfred geholt hat. Zunächst spielen die Musiker das Octuor à cordes op. 291, danach einzeln die Quatuors Nr. 14 und 15, die ebenfalls die Opuszahl 291 tragen. Ein […] mehr »


Top