home

N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



Responsive image
Robert Schumann

Die Sinfonien in der Bearbeitung Gustav Mahlers

Gewandhausorchester, Riccardo Chailly

Decca/Universal 478 0037
(120 Min., 2006, 2007) 2 CDs

Hat‘s Methode? Wer Mendelssohns Lobgesangsinfonie in der vom Komponisten selbst verworfenen Urfassung aufs Programm setzt, wer eine von Mahler kompilierte und spätromantisch orchestrierte Bach’sche Orchestersuite präsentiert sowie jetzt die Mahler’sche Fassung der Schumannsinfonien einspielt, der folgt nicht unbedingt dem (letzten) Willen des Komponisten, sondern – ja wem? Der Profilierung des eigenen Egos abseits des Mainstreams? Der Provokation, "historische Aufführungspraxis" einmal ganz anders: "politisch unkorrekt", d. h. fern von "authentischen" Partiturvorgaben zu verstehen? Repertoirebereicherungen sind diese Einspielungen sicherlich. Dafür muss man Riccardo Chailly dankbar sein. Und zweifellos der Art Bewunderung zollen, wie sein Gewandhausorchester sich für diese zeitgebundenen Unikate ins Zeug legt: dieser Feuereifer, diese rhythmische Verve, dieser baritonal grundierte, süffig-satte und doch luzide Sound der Leipziger Nobeltruppe ist schlichtweg hinreißend! Man könnte also glatt von einer mustergültigen Schumanneinspielung sprechen – insbesondere bei dieser filigranen Zweiten und kraftstrotzenden Dritten –, wenn, ja wenn da nicht die gut 2000 (!) Revisionen wären, mit denen Mahler Schumann zu verbessern suchte bzw., wie er selbst sich legitimierte, durchhörbarer machen wollte. Er korrigierte nicht nur die Dynamikvorgaben und verminderte bzw. verstärkte Holz- und Blechbläserbesetzungen (entsprechend seiner Selbstbezichtigung, auch die eigenen Sinfonien würden unter "Überinstrumentierung" leiden); zweimal griff er sogar handfest in Schumanns Harmoniegebäude ein: gleich zu Beginn der Frühlingssinfonie, wenn die Fanfare eine Terz tiefer erklingt (was Schumann selbst verwarf), sowie in der Coda der C-Dur-Sinfonie. Solche "Verbesserungen" sind, der Autorität des kritischsten aller dirigierenden Komponisten zum Trotz, wenn nicht Verschlimmerungen, so doch zumindest überflüssig. Denn – diese Hypothese sei gewagt – hätte Mahler (wie wir heute) so dynamisch ausgeklügelte und kammermusikalisch differenzierte Schumannexegeten wie Norrington, Dausgaard oder auch Szell hören können, dann hätte er wohl von den meisten Umarbeitungen abgelassen. Chaillys Gewandhäusler aber wären zweifellos zu einer nicht minder transparenten und gleichzeitig enervierend-feurigen "originalen" Schumannexegese fähig gewesen. So aber bleibt der seltsam zwitterhafte Eindruck: Die Leipziger haben ihre Ausnahmequalitäten am "falschen" Objekt demonstriert.

Christoph Braun, 20.06.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Sanfter Umbruch: Die Jahre als Kapellmeister beim Fürsten Ésterhazy weiß Joseph Haydn als Experimentierfeld zu nutzen. Das zeigen nicht nur seine fast planvollen Erprobungen im Bereich der Sinfonie, deren weltweit geschätzter Könner er werden wird, sondern auch die solistischen Einsätze und in diesen Jahren entstandenen Solokonzerte. Wie auch Mozart kannte Haydn die Solisten, für die er schrieb alle persönlich, es waren meist seine Kollegen in der Hofkapelle. Die beiden überlieferten […] mehr


Abo

Top