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Robert Schumann

Die Sinfonien in der Bearbeitung Gustav Mahlers

Gewandhausorchester, Riccardo Chailly

Decca/Universal 478 0037
(120 Min., 2006, 2007) 2 CDs

Hat‘s Methode? Wer Mendelssohns Lobgesangsinfonie in der vom Komponisten selbst verworfenen Urfassung aufs Programm setzt, wer eine von Mahler kompilierte und spätromantisch orchestrierte Bach’sche Orchestersuite präsentiert sowie jetzt die Mahler’sche Fassung der Schumannsinfonien einspielt, der folgt nicht unbedingt dem (letzten) Willen des Komponisten, sondern – ja wem? Der Profilierung des eigenen Egos abseits des Mainstreams? Der Provokation, "historische Aufführungspraxis" einmal ganz anders: "politisch unkorrekt", d. h. fern von "authentischen" Partiturvorgaben zu verstehen? Repertoirebereicherungen sind diese Einspielungen sicherlich. Dafür muss man Riccardo Chailly dankbar sein. Und zweifellos der Art Bewunderung zollen, wie sein Gewandhausorchester sich für diese zeitgebundenen Unikate ins Zeug legt: dieser Feuereifer, diese rhythmische Verve, dieser baritonal grundierte, süffig-satte und doch luzide Sound der Leipziger Nobeltruppe ist schlichtweg hinreißend! Man könnte also glatt von einer mustergültigen Schumanneinspielung sprechen – insbesondere bei dieser filigranen Zweiten und kraftstrotzenden Dritten –, wenn, ja wenn da nicht die gut 2000 (!) Revisionen wären, mit denen Mahler Schumann zu verbessern suchte bzw., wie er selbst sich legitimierte, durchhörbarer machen wollte. Er korrigierte nicht nur die Dynamikvorgaben und verminderte bzw. verstärkte Holz- und Blechbläserbesetzungen (entsprechend seiner Selbstbezichtigung, auch die eigenen Sinfonien würden unter "Überinstrumentierung" leiden); zweimal griff er sogar handfest in Schumanns Harmoniegebäude ein: gleich zu Beginn der Frühlingssinfonie, wenn die Fanfare eine Terz tiefer erklingt (was Schumann selbst verwarf), sowie in der Coda der C-Dur-Sinfonie. Solche "Verbesserungen" sind, der Autorität des kritischsten aller dirigierenden Komponisten zum Trotz, wenn nicht Verschlimmerungen, so doch zumindest überflüssig. Denn – diese Hypothese sei gewagt – hätte Mahler (wie wir heute) so dynamisch ausgeklügelte und kammermusikalisch differenzierte Schumannexegeten wie Norrington, Dausgaard oder auch Szell hören können, dann hätte er wohl von den meisten Umarbeitungen abgelassen. Chaillys Gewandhäusler aber wären zweifellos zu einer nicht minder transparenten und gleichzeitig enervierend-feurigen "originalen" Schumannexegese fähig gewesen. So aber bleibt der seltsam zwitterhafte Eindruck: Die Leipziger haben ihre Ausnahmequalitäten am "falschen" Objekt demonstriert.

Christoph Braun, 20.06.2008



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