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The Light

Ketil Bjørnstad

ECM/Universal 1757977
(78 Min., 3/2007) 1 CD

Es mag für einen Musiker die größte Genugtuung sein, ein Werk geschaffen zu haben, für das der Kritiker keine Schublade bereithält. Doch wie will diesem Kritiker ohne bekannte Bezugskategorien seine vornehmste Aufgabe gelingen, Musik mit den Mitteln des journalistischen Wortes nachvollziehbar zu vermitteln? Diese CD des norwegischen Pianisten, Komponisten und Schriftstellers Ketil Bjøernstad stürzt den Autor in ein solches Dilemma. Es handelt sich um einen romantischen Liedzyklus für Altstimme, Klavier und obligate Bratsche, der sich Texten des Komponisten selbst und des großen englischen "metaphysical poet" John Donne annimmt. Der Komponist spielt selbst Klavier, Sängerin ist die international renommierte Altistin Randi Stene und die Bratsche streicht der nicht minder gefeierte Lars Anders Tomter. Die Auswahl des Materials gehorcht der Prämisse "Songs of Love and Fear". Was erklingt, könnte man tastend in Anlehnung an den inzwischen gängigen Begriff des "folklore imaginaire" als "lied" bzw. "kunst-song imaginaire" bezeichnen; und dann müsste noch hinzugefügt werden, dass jeder Ton von dem geheimnisvollen Licht des hohen Nordens kündet. Es erklingt eine Musik, die mit ihrer scheuen, fast nüchternen Melodieseligkeit mitunter an die Motivik der lyrischeren der Carmina burana erinnert und dabei ganz auf jegliche pochende Rhythmik verzichtet. Die überwiegend strophenhafte Gestaltung ist ganz textbezogen angelegt. Die fast knabenhaft klare Altstimme betört mit fast erschütternder Natürlichkeit, und die Bratsche nimmt zuweilen klangliche Qualitäten eines sanghaften Cellos an und umspielt oder repetiert mit bewegend schlichter Klarheit die Singstimme. Die zurückhaltende, ganz dienlich ausgerichtete Klavierbegleitung schließlich ist, ohne irgendwie mit Jazz zu kokettieren, doch ohne ein Wissen um Jazz und um den Minimalismus eines Eric Satie anders nicht vorstellbar. ECM ist mit dieser CD dem Namensanspruch von "Editions in contemporary music" in überzeugender Weise nachgekommen; oder anders gesagt, "The Light" macht eine zeitgenössische, im besten Sinne E-musikhafte Form des "Liedes" auch diesseits der "musica viva" vorstellbar.

Thomas Fitterling, 11.07.2008



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