Dass der vor nicht allzu langer Zeit in den Ring gestiegene polnische Nachwuchstenor Piotr Beczała Fritz Wunderlich als sein Vorbild bezeichnet, überrascht nicht: Gleich in der ersten Nummern seines Debütrezitals, "Tombe degli avi miei" aus Donizettis "Lucia di Lammermoor" gibt es Passagen, in denen er dem berühmten Deutschen in Timbre und interpretatorischem Habitus wirklich stark ähnelt. Was Beczała von Wunderlich gern übernimmt, ist der eine oder andere Schluchzer, ist insgesamt aber auch eine recht breite Führung der Stimme, die sich sein Vorbild ohne Weiteres leisten konnte; bei Beczała bleibt hingegen abzuwarten, wie er diese gefährliche Gratwanderung zwischen Offenheit und Fokussierung auf Dauer verkraften wird. Gelegentlich – so etwa am Anfang von Puccinis "Che gelida manina" (La Bohème) verführt ihnen die permanent große Offenheit seines Ansatzes zu einem etwas monochromen Dauerforte, dem (auch im Hinblick auf den Ausdruck) die Zwischentöne fehlen. Springt er dann in die obere Oktave ("chi son, chi son"), bezahlt er die kompromisslos weite Kehle mit plötzlicher Verengung und entsprechend übergangsloser Veränderung des Klanges. Bei aller Schönheit seines wirklich guten, vielversprechenden Materials: 100-prozentig in trockenen Tüchern scheint er technisch noch nicht zu sein; dies zeigen auch kleine Unebenheiten in der Gestaltung der Bögen und bei der Attacke auf die Vollhöhe im titelgebenden "Salut! Demeure chaste et pure" (Gounod, Faust). Für dieses Repertoire und allgemein zwecks Konsolidierung der Stimmhygiene sollte Piotr Beczała noch das eine oder andere Ohr in die Aufnahmen von Nicolai Gedda werfen, um von dessen gesangstechnischer Finesse und interpretatorischer Noblesse zu profitieren.

Michael Wersin, 25.07.2008



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