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Anton Bruckner

Sinfonie Nr.3 d-Moll (Erstfassung)

Roger Norrington, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR

Hänssler Classic/Naxos 93.217
(61 Min., 5/2007) 1 CD

Steht uns ein Paradigmenwechsel ins Bruckner-Haus? Mit Harnoncourt, Gielen, Nagano, Herreweghe und jetzt (wieder) Norrington kommen zunehmend Interpreten zu Wort, die nicht mehr per se vor dem sinfonischen Mystiker niederknien. So wichtig die katholisch-fromme Seite Bruckners ist, der „irdisch-menschlichen“, tänzelnden, ja humoristischen schenkt man inzwischen ebensolche Beachtung. Dies korrespondiert mit einer veränderten Wahl der Werkfassungen: weg von den späten Versionen, die zumeist gekürzte, formal und klanglich geglättete Zugeständnisse ans Publikum bzw. überforderte Kritiker waren, hin zu den widerborstigeren, ungestümeren Erst- und Zweitfassungen. Am signifikantesten gilt dies für die dritte Sinfonie, deren erste Version von 1873 noch einen höchst fantasievollen, kapriziösen Bruckner mit ständigen Stimmungsumschwüngen und buntscheckigsten Motiveinfällen offenbart (wobei die Wagnerzitate dieser „Wagnersinfonie“, die Bruckner später alle wieder eliminierte, auch hier nicht wirklich konstitutiv sind; da sind die Schubertreminiszenzen weit signifikanter). Wenn Norrington nach 1995 - damals noch als streng „historistischer“ Leiter seiner London Classical Players - nun mit dem „normalen“ RSO Stuttgart eine weitere Einspielung der Erstfassung vorlegt, so rührt ihre (erneute) Provokation nicht so sehr von den gewohnt quellenkritischen Maßgaben (von Musikeranzahl und –aufstellung mit vibratolosem Spiel) als von den forschen Tempi und jener darin aufscheinenden „irdischen“ Präferenz. Da werden Celibidache-Genießer buddhistisch-mäandrierender Ruhe, ganz zu schweigen von frommen Gebetsbrüdern, die in jedem Takt Choräle und Glaubenssymbole zu vernehmen glauben, nur den Kopf schütteln.
Aber auch Karajanisten, zu denen sich bislang der Rezensent zählte, ist Norrington eine – zumindest diskussionswürdige - Zumutung. Im Gegensatz zum diesjährigen Jahrhundertheiligen, der uns das „Numinose“ Bruckners in „weltraumhafter Kälte, als schwingendes Metall ... in elementarer, unbeseelter Härte“ (Peter Uehling) demonstrierte, lässt Norrington in detailfreudigster Motivgestaltung und –vernetzung einen Bruckner der Klangfarbenzauberei und rhythmischen Raffinesse erklingen. Zwar gerät in diesem Detailfokus manche Legatolinie, die Karajan so bewunderungswürdig ins Unendliche ziehen konnte, etwas kurzatmig; doch das gerne beschworene „Ganze“ der Bruckner’schen Architektur, das in der Erstfassung noch kein durchrationalisierter Schlosspark, sondern ein bunter Kräutergarten ist, kann vielleicht wohl nur so „gefasst“ werden. Wobei Norrington allerdings in kein Kleingehacktes verfällt; davor schützt schon die motorisch drängende, durchgängige Innenspannung, die die gigantischen Ecksätze von Beginn an zusammenhält. Und wenn das Adagio einen derart üppigen Blumengarten imaginiert und das Scherzo derart beschwingt und heiter zum wiegenden Ländler aufspielt, dann hat ihn die Erde endlich wieder, unseren Heiligen von St. Florian. Und wir einen im besten Sinn verstörenden neuen Bruckner.

Christoph Braun, 12.09.2008



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