Responsive image
Ludwig van Beethoven

Klavierkonzerte Nr. 1-5

Evgeny Kissin, London Symphony Orchestra, Colin Davis

EMI Classics 206 311-2
(178 Min., 9/2007, 10/2007) 3 CDs

Die grüblerische Miene, die Evgeny Kissin auf dem Cover zur Schau trägt, ist Programm: Bei seiner Gesamtaufnahme der Beethovenkonzerte lässt er vom ersten Ton an keinen Zweifel aufkommen, dass es sich hier um höchst gewichtige, tiefernste Musik handelt. Die ungezwungene Spiellust, mit der zuletzt Piotr Anderszewski das C-Dur-Konzert vitalisiert hatte, ist für Kissin schon in den beiden Frühwerken weitgehend fehl am Platze. Spontaneität oder gar Humor haben bei diesem zu titanischer Größe verdammten Beethoven nichts verloren. Monumente stehen in der Regel allein, und das unter Routinier Colin Davis gefügig begleitende London Symphony Orchestra stellt kaum mehr als einen Sockel für Kissins Granit-Beethoven bereit. Das nervt schnell, weil es allzu klug sein will: Wenn Beethoven etwa im Kopfsatz des C-Dur-Konzerts eine Passage variiert wiederholen lässt, klingt das bei Kissin, als ob da ein blitzgescheiter Musterschüler einen klassischen Formenkanon referiert – beeindruckend perfekt (etwa in der Balance der Hände) und bestechend klar, aber ohne Überschwang und Temperament.
Auch im romantischen c-Moll-Konzert bessert sich das nicht, weil Kissins Ernsthaftigkeit noch überproportional zum Gehalt der Musik wächst: Die Kadenz des Kopfsatzes geht er so bleischwer an, dass dagegen Koryphäen wie Brendel, Backhaus und Rubinstein wie freche Hüpfer klingen. Selbst das Finale verhärtet sich in gemeißelten Läufen und Sforzati – wie auch in den Konzerten vier und fünf kann Kissin dort, wo Beethoven auf tänzerische Erlösung setzt, einfach nicht loslassen, sondern bleibt grimmig. Umso überraschender, dass der Granit im vierten Konzert plötzlich Risse zeigt: In der großen Kadenz und im langsamen Satz findet er zu einem sprechenden, verinnerlichten Gesangston, und der Kopfsatz des Es-Dur-Werks gewinnt sogar eine facettenreiche Licht-und-Schatten-Dramatik. Na bitte, geht doch.

Jörg Königsdorf, 26.09.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es liegt etwas Flirrendes, Sommerliches, ungemein Modernes in der französischen Musik zwischen 1900 und dem Erstem Weltkrieg, ein Aufbruch, der erst recht vollzogen werden konnte, als sich ein paar Komponisten gegen die Übermacht der Tonsprache Richard Wagners zu stemmen begannen. Doch was könnte man einer so perfekt ausgearbeiteten, fließenden Romantik entgegenstellen? Diese Frage führte Claude Debussy und Maurice Ravel dazu, sich im spielerischen Umgang mit der Vergangenheit neue […] mehr »


Top