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Wolfgang Amadeus Mozart

Sinfonien D-Dur KV 385 "Haffner", A-Dur KV 201, B-Dur KV 319, D-Dur KV 504 "Prager", C-Dur KV 551 "Jupiter"

Orchestra Mozart, Claudio Abbado

DG/Universal 477 7598
(147 Min., 2005, 2006) 2 CDs, live

Vom Mahler Chamber Orchestra über das Lucerne Festival Orchestra bis zum Orchestra Mozart: Gerade mit den von ihm selbst gegründeten Ensembles bringt Claudio Abbado interpretatorische Sternstunden zuwege. Das vor knapp vier Jahren gegründete Orchestra Mozart, ein moderner Ableger der Bologneser Accademia Filarmonica (bei der bekanntlich Mozart selbst Mitglied war), ist eine Art Orchesterwerkstatt zum Thema Mozart. Schon die Tatsache, dass deren Einspielungen bei der Archiv Produktion (der DG) erscheinen, weist darauf, dass es Abbado (natürlich, darf man sagen) um ein historisch informiertes Mozart-Bild geht. Gestützt auf Originalmanuskripte und die neue kritische Bärenreiter-Ausgabe gibt es, etwa im Menuett der "Haffner"-Sinfonie, nicht nur neue Noten und neu gedeutete Triller und Vorschläge zu bestaunen; dieser Mozart hat auch, pardon, gehörig Feuer unterm Hintern (und lässt die Altmeister à la Böhm wahrlich alt: gähnend eintönig aussehen). Nimmt man noch die extrem gezeichneten An- und Abschweller im schlank und federnden Orchesterklang hinzu, so könnte man Abbado leicht als einen der heute üblichen "Historisten" ausmachen; doch neben dem modernen Instrumentarium verbietet vor allem die subjektive Färbung dieses "authentischen" Mozart jene Schublade.
Radikal betont Abbado die gestisch-theatralische Ausdruckspotenz der Sinfonien. Das beginnt bei den auffälligen Pausensetzungen über die (mitunter gewöhnungsbedürftigen) agogischen Tempoänderungen bis zu den Phrasenwiederholungen, die nie einfach nur dupliziert, sondern, dynamisch stark kontrastiert, durchweg als Dialoge inszeniert werden: hier erklingen pure Bühnendramen respektive Opera buffa (ohne Worte). Bei der von Seufzervorhalten durchfurchten Adagioeinleitung der "Prager" sieht man förmlich Mozarts "romantischsten" Opernhelden Don Giovanni die Bühne betreten. Umgekehrt lässt sich das Con-sordino-Andante der A-Dur-Sinfonie nicht betörender als Sommernachtsserenade gestalten. Deren Schlussallegro wiederum zerstäubt alles Einlullende, denn ihre "con spirito"-Anweisung wurde kaum jemals mit derart fulminantem Geigenholz-Knarzen umgesetzt. Schließlich die kontrapunktischen Finessen der "Prager"- und "Jupiter"-Sinfonie, die gerade in Abbados gestisch kontrastreichem Feuerwerk ihre Genialität offenbaren. An diesem italienischen Mozart wird man nicht mehr vorbeikommen. Absolute Referenz!

Christoph Braun, 26.09.2008



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