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Claude Debussy, Maurice Ravel, Gabriel Fauré

Streichquartette

Quatuor Ébène

Virgin/EMI 519 045-2
(80 Min., 3/2008) 1 CD

Gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Streichquartett deutscher und dem französischer Prägung? Der liegt, nach dem Formalen, schon darin, dass deutsche Komponisten, learning by doing, immer wieder um die Form rangen, während die drei wichtigsten französischen (hier versammelt: Fauré, Debussy, Ravel) sich nur je ein Gattungsbeispiel abverlangten, Fauré sogar erst als ganz alter Mann: Als habe sich lange etwas anstauen müssen, was sich dann in einem einzigen Meisterwerk entlud. Das jüngste (1893) ist das von Debussy, Ravel komponierte seines 1902/3 (gewidmet seinem Lehrer Fauré), bei Fauré wurd's das letzte vollendete Werk überhaupt (1923). Debussy schon bricht mit der Form, entwickelt das Werk aus einer einzigen Keimzelle heraus. Ravel jongliert brillant, als wären's die Spielzeuge in seinem Heim, mit den Modalitäten der Musik, und Fauré verdichtet bis zur Sprödigkeit, was paradox klingt, hier aber Ereignis wird, unbekümmert um jede Zeitströmung, da er sie zu Gebote und somit überwunden hatte: sozusagen die Entwicklung des französischen Streichquartetts von der Üppigkeit schweifender Emotion übers L'art pour l'art bis hin zur Eigentlichkeit. Ein hervorragendes Programm.
Und weitestgehend kongenial gespielt. Was an dem noch jungen Quatuor Ébène (vier Franzosen noch unter 30) auffällt, ist ihre Fähigkeit, den analytischen Blick auf Themenbögen, bewusste Brüche und Steigerungen einzufärben mit der kraftvollen Palette "ungestümen" Musizierens, was Debussy und Ravel am besten bekommt und an Fauré zwar nicht achtlos vorüberrauscht – ihm lediglich die mitunter doch heilsame Introspektion versagt, sozusagen das Sich-selber-Nachlauschen. Ohne Zweifel ist das Quartettspiel vom Feinsten, dem lediglich noch nicht alles gleich gut gelingt – das die Souveränität des Wechsels von Tonfall zu Tonfall, von Emphase zu Haltung noch nicht ganz beherrscht. Kein Wunder auch, andere Quartettformationen wie etwa das Guarneri, Juilliard oder Alban Berg arbeiteten daran ein halbes Leben! Das Filigrane, das Aquarellgetupfte, das man mit dieser Musik oft assoziiert, fehlt nahezu völlig – aber es fehlt einem nicht. Leidenschaft tritt an seine Stelle und überzeugt ebenso, wenn nicht mehr. Die Kräfte bündeln sich in den unglaublich präzis ausgehörten Pizzicatosätzen bei Debussy und Ravel: Nachzittern und Vorausbeben, jeweils Dreh- und Angelpunkte. Gewiss, die Ébènes, die auch Jazz machen, scheinen das Material manchmal zu überrollen, dabei reißen sie es nur mit sich. Das ist großes Quartettspiel im Werden.

Thomas Rübenacker, 03.10.2008



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