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Johannes Brahms

Klaviersonate Nr. 3, Vier Balladen op. 10

Stephen Hough

Hyperion/Koch 67237
(59 Min., 1/2001) 1 CD

Stephen Hough gibt Brahms' dritter Sonate und den kurz danach komponierten vier Balladen die ganze Klarheit seiner Artikulation und Nüchternheit seines interpretatorischen Ansatzes, manuell allzeit staunenswert - aber zu wenig. Zu wenig Brahms. Der nämlich war kein "Neudeutscher", aber hier klingt er bisweilen wie Franz Liszt; man höre nur die erste, die düstere schottische Ballade vom Vatermörder Edward, oder auch die zweite. Oder selbst auch einzelne Sätze der Sonate.
Da findet im Detail mitunter durchaus zarte Introspektion statt, aber Houghs Ansatz könnte global "Ausdruck durch Präzision" genannt werden, und gewiss gibt es keinen weniger verschwiemelten, pedal- und rubatoselig in ein vermeintlich "atmosphärisches" Ungefähr getauchten Klavierklang (natürlich hilft auch die Hyperion-Klangtechnik!). Aber bei Brahms bedeutet das noch nicht so viel, selbst der Ausdruck-durch-Präzision-Dirigent Fritz Reiner scheiterte hier bisweilen. Man muss nicht nur an den manuell sicher weit weniger versierten Wilhelm Kempff denken; auch der ähnlich fingerfertige Claudio Arrau kam der Seele der brahmsschen Klangwelt wesentlich näher.
Im Scherzo der Sonate nimmt das geradezu janusköpfige Gestalt an: Hough klingt hier, als spiele Franz Liszt Schumann, etwa den "Carnaval"! "Auftrumpfend" aber war Brahms nie, eher gebrochen im Aufschwung. Davon ahnt Houghs Positivismus nichts, noch von dem Riss zwischen bürgerlicher Klassizität und Fortschrittlichkeit der Mittel. Man kann nach Anhören dieser CD nicht umhin, Stephen Hough hohe Bewunderung zu zollen, zugleich aber ihm das vernichtende Urteil hinterherzureichen, das Deutschlehrer uns Gymnasiasten gern unter Aufsätze kritzelten: "Thema verfehlt" ...

Thomas Rübenacker, 28.06.2001



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