Tiefgelegt für Mezzosopran und einen (um seine Spitzentöne kastrierten) Tenor, vor handgemalter Bergkulisse und historisch hölzernen Alpenhäuslein: Bellinis Liebesspuk aus den Schweizer Bergen präsentiert sich hier erstmals in "historisch-kritischem" Gewand. Der Komponist schrieb ihn ursprünglich für eine berühmte Mezzosopranistin, Giuditta Pasta, und hörte die Oper später mit der Mezzolegende Maria Malibran (die das Werk uraufgeführt hat). Auf deren Spuren rückt Cecilia Bartoli das Bild vom tirilierenden Nachtvögelchen, als welches sich "La sonnambula" sonst in Sopranlage hochschraubt, wohltuend zurecht. Amina klingt erstmals wie ein Milchkannen schwenkendes, patentes Landgirl, das die ersten Abwege erotischer Wollust unbewusst geht. Vor allem durch das Orchestra La Scintilla unter Alessandro de Marchi wird das Stück realistisch auf Stroh statt auf Satinwäsche gebettet – und gewinnt hörbar an rustikalem Charme. Cecilia Bartoli lockt das schönste Täubchengurren aus sich heraus. Sie ballt hechelnd die Fäustchen, muss sich freilich – Triumph erhabener Inkonsequenz! – drei Nummern transponieren lassen, damit ihr Mezzo leuchtet. Mit Flórez’ großartigem Tenor mischt sich Bartolis Stimme kaum, so dass – trotz des männlich auftrumpfenden Ildebrando D’Arcangelo (Rodolfo) – der Eindruck eines großen Star-Bahnhofs an der Provinzhaltestelle Bellini nicht ganz vermeidbar ist.
Die Aufnahme ist zu hochkarätig, um auch nur irgendwie enttäuschen zu können, bleibt aber ein Sonderfall. Wer Bellinis vokale Linien erwartet, wird sie bei Bartoli kaum finden. Zu hoffen bleibt, dass durch die Aufnahme die Belcanto-Tür aufgestoßen wird für die überragenden Dirigenten der historischen Aufführungspraxis. Was vor Jahren mit René Jacobs’ szenischem "Tancredi" und Minkowskis "L’inganno felice" begann, könnte man endlich mal fortsetzen.

Robert Fraunholzer, 07.11.2008



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