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Johann Sebastian Bach, Friedrich Gulda

Englische Suiten, Italienisches Konzert, Toccata, Capriccio, Präludium und Fuge

Friedrich Gulda

DG/Universal 477 8020
(71 Min., 3/1955 - 11/1970) 1 CD

Und der Meister sprach: Kein Geringerer als Joachim Kaiser urteilte 1973 über Friedrich Guldas Wiedergabe des gesamten Wohltemperierten Klaviers, dies sei "ganz offensichtlich das Ergebnis einer großen, konzessionslosen Denkanstrengung, deren Essenz mit Hilfe raffinierter pianistischer Techniken und Farben dargestellt wird". Was Kaiser seinerzeit über das wohl bekannteste Kompendium von Präludien und Fugen sagte, trifft im Wesentlichen auch auf die Aufnahme zu, die jetzt bei der Deutschen Grammophon erschienen ist; darauf versammelt sind – neben einem wild-lustigen Guldabeitrag zur Gattung Präludium/Fuge – einige Bachinterpretationen des österreichischen Titanen aus fernen Zeiten, die man weiland im Radio hören und bewundern konnte. Und es heute wieder tun darf: Guldas Bachspiel ist keines, das den Genuss suggeriert oder sucht; es ist, zumal in den schnellen, tänzerischen Sätzen, rhythmisch gespannt, dynamisch im oberen Bereich, kraftvoll also und durch und durch geistvoll, essentiell; zuweilen wirkt das sogar wie festgehalten. In der Englischen Suite Nr. 2 in a-Moll etwa muss man bis zur Gigue warten, bevor der Saal geöffnet wird; erst hier lässt Gulda die Zügel locker und schwingt das Tanzbein, dies aber mit einer Fulminanz, die schlicht betört.
Das gleiche Bild, nur noch um einiges differenzierter, bietet sich in der g-Moll-Suite (sie wirkt im Ganzen etwas freier musiziert) sowie, beeindruckender noch, im "Italienischen Konzert". Während hier die Ecksätze vital vorwärts drängen, versenkt sich Gulda in den langsamen Mittelsatz mit einer schier unglaublichen Intensität, die seine über die Maßen entwickelten klanglichen Möglichkeiten aufzeigen. Ein solch eindringliches, zugleich zuckriges und nuancenreiches Piano/Pianissimo wie Gulda können nur wenige. Und nur wenige können ein Bach'sches Capriccio derart ungestüm und doch stets kontrolliert durchmessen wie er, der große Friedrich Gulda. Hört man ihn wieder, weiß man: Es fehlt etwas in der Welt der Musik.

Tom Persich, 11.12.2008



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