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Orlando di Lasso

Cantiones Sacrae

Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

harmonia mundi HMC 901984
(53 Min., 5/2007) 2 CDs

Otto von Gemmingen, Fürstbischof von Augsburg, ist der Widmungsträger von Orlando di Lassos letzter Motettensammlung "Cantiones Sacrae sex vocum", erschienen 1594, im Todesjahr des Komponisten. Lasso vertonte im Wesentlichen Texte aus dem Alten Testament. Er nahm dabei auch Bezug auf das eigene Alter: Mit den Worten "Prolongati sunt dies mei in servitio tuo Domine" (etwa "eine lange Zeit habe ich in Deinen Diensten verbracht, Herr") beginnt die erste Motette nach dem Widmungsstück, und ein Auszug aus der Sequenz des Requiems steht am Ende der Sammlung; "Quaerens me, sedisti lassus / Redemisti crucem passus" ("mich suchend bist Du müde geworden / durch das Leiden am Kreuz hast Du mich erlöst“) ist dort zu hören. So ist Lassos letzte Motettensammlung einerseits einem kirchlichen Würdenträger zugeeignet, dessen gegenreformatorisches Wirken dem Komponisten und vor allem seinem Münchner Arbeitgeber Herzog Wilhelm V. sympathisch war, lässt andererseits aber auch deutlich die ganz persönliche Altersmüdigkeit Lassos durchscheinen. Nicht nur Lassos Schaffen neigte sich dem Ende zu, sondern auch die vokalpolyfone Stilistik als solche befand sich in jenen Jahren merkbar im Finale ihrer "Alleinherrschaft"; nicht zuletzt vor diesem Hintergrund bietet Lasso noch einmal vokale Kontrapunktik vom Allerfeinsten und demonstriert, wie textnah man mit diesen althergebrachten tonsetzerischen Mitteln komponieren konnte.
Philippe Herreweghe spielte mit einem erstklassig besetzten Ensemble gut die Hälfte der insgesamt 30 Motetten ein; er lässt je zwei Leute eine Stimme singen und wählt damit einen Mittelweg zwischen dem Streben nach Klangfülle bzw. -abrundung einerseits und möglichst flexibler Leichtgewichtigkeit des Klangkörpers andererseits. Selbst bei Profis wie den hier versammelten führt die heikle Zweierbesetzung der Partien freilich zu einer leichten klanglichen Unschärfe; die atemberaubende Klarheit etwa der King’s Singers erreicht Herreweghe mit seinem Ensemble nicht, will dies vielleicht auch gar nicht. Die unmittelbare Intimität, mit der solche Musik dem Hörer prinzipiell begegnen kann, wird dabei zurückgestellt zugunsten eines eher objektiven, deutlich "chorischen" Klangbildes.

Michael Wersin, 11.12.2008



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