Diese beiden Werke von Camille Saint-Saëns beschwören zwei der großen Fantasien des 19. Jahrhunderts herauf – die klassische Antike und den Traum vom Orient. Das Poème lyrique "Hélène" war ein Starvehikel für die große australische Sopranistin Nellie Melba (die die Uraufführung 1904 in Monte Carlo sang), und die australische Melba Foundation hat nun dankenswerterweise diese Aufnahme veranlasst. Die schöne, aber verheiratete Hélène (Rosamund Illing) ringt hier zwischen Nacht und Morgengrauen mit der Liebe zu dem jungen Hirten Pâris (Steve Davislim). Im griechischen Gewande steht hier die immergrüne Frage auf der Tagesordnung: Kennt Leidenschaft moralische Schranken? Saint-Saëns’ raffinierter, mit Leitmotiven und feinsten Instrumentationsdetails durchsetzter Partitur (der Tourniaire und sein Orchester nuanciert gerecht werden) geraten jedenfalls die Lockgesänge von Göttin Venus (Leanne Kenneally) und ihrer Nymphen sowie die Liebesduette deutlich überzeugender als Hélènes moralische Skrupel oder Pallas Athenes (Zan McKendree-Wright) düstere Warnungen vor Trojas Untergang.
Steve Davislim ist ein überzeugender, inständiger Verführer (wie schon auf der ebenfalls bei Melba erschienenen Aufnahme mit Straussliedern "Seduction"), während die an sich anständig singenden Damen ihre je eigenen vokalen Probleme haben: Illing klingt einfach nicht jung genug, Keneally hat Probleme in der Höhe und McKendree-Wright in der Tiefe. Das wird aber wettgemacht durch den Raritätswert dieses Stücks – und die Draufgabe: "Nuit persane" op. 26b, eine erweiterte Orchesterfassung des Klavierliederzyklus "Mélodies persanes", ist ein Stück Orientalismus vom Feinsten: Alle Klischees werden bedient, von der Haremsnacht bis zum Wüstenritt, und doch ist das Ergebnis so hinreißend wie die "Nilfahrt" aus dem fünften Klavierkonzert des eifrigen Orientreisenden Saint-Saëns, bis hin zum Spitzentanz der opiumbenebelten Derwische, mit dem das Stück weniger endet als davonhuscht.

Wolfgang Fuhrmann, 27.12.2008



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