Ein zweifellos mutiger Intendantencoup: die mit allem Pomp inszenierte "Inaugurazione" der Scala-Saison 2007/2008 – ausgerechnet mit diesem introvertiertesten und gleichzeitig verzehrendsten aller (deutschen) Musikdramen. Und dann versteht der Regisseur Wagners "Tristan" auch noch als "Werk über Abwesenheit" und des "Schweigens"! Man muss schon Patrice Chéreau heißen, um solches propagieren zu dürfen – zumindest im Booklet. Was auf der Mailänder Bühne zu sehen war, bestach jedenfalls durch eine spannungsvolle Diskrepanz von äußerlich lapidarem, raum- und zeitlosem Bühnendekor (eine gigantische Mauer mit burgähnlichem Tor) sowie blau-gräulich gehaltenem (im "Liebes-Akt": dunkelrot loderndem) Licht einerseits, realistischem, psychologisch höchst glaubhaftem Minen- und Körperspiel andererseits. Man könnte auch von der Konzentration aufs Wesentliche sprechen: auf das aufwühlende Psychogramm zweier von Lust und Todestrieb, sexuellem Verlangen und abgründiger Depression getriebener Protagonisten – zweier zutiefst einsamer Menschen, die alle gesellschaftlichen Schranken (Ehebruch!) hinter sich lassen und nur im Liebestod zueinanderfinden können.
Bei aller suggestiven Menschenführung Chéreaus: Der eigentliche "Cagliostro" dieser vier magischen Wagnerstunden war Daniel Barenboim. Wie der Wagner-erfahrene Wahlberliner die nicht unbedingt Wagner-erfahrenen Scala-Musiker zu einem solch heißblütigen, sehrenden Legatogesang animierte, das verdiente zu Recht schon nach dem ersten Akt die "Bravi" des Mailänder Publikums. Zumal die gesamte Riege der Sängerdarsteller auf höchstem Niveau agierte. Dass man dabei (neben dem noch immer raumgreifenden Matti Salminen) Ian Storey den größten Respekt schon allein für seine physische Leistung zollen muss, versteht sich bei diesem Werk (und den heute herrschenden Realitäten unter den Wagnersängern) von selbst. Waltraud Meiers Ausnahmequalitäten muss man nicht mehr kommentieren – und kann doch nicht umhin, einmal mehr von ihrer stimmlich wie schauspielerisch überwältigenden Isolde zu schwärmen. Nicht erst ihr "Liebestod" – mit ihrem geheimnisvollen Lächeln und dem drastischen Stigma ihres übers Gesicht rinnenden Blutes – bleibt für lange unvergessen. Stellt sich nur die ärgerliche Frage, warum die suggestiven Bilder, die in der TV-Liveübertragung vom Dezember 2007 die Vorspiele begleiteten, nicht in die Videoproduktion übernommen wurden. Barenboims schütteres Hinterkopfhaar kann da nicht mithalten.

Christoph Braun, 16.01.2009



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