Eigentlich ist die Geschichte der ersten Atombombe, die am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico getestet wurde, ein hervorragendes Sujet für eine Oper: Ein reales Ereignis von der mythischen Kraft des Sündenfalls, das uns heute ebenso erschauern lässt, wie es starke innere Konflikte bei einigen der beteiligten Protagonisten auslöste. Der Komponist John Adams sowie der Regisseur und Librettist Peter Sellars haben den Schrei des Sujets nach Musik vernommen – und bis tief in den ersten Akt geht ihre Rechnung auf: Adams rastlos minimalistische Partitur fasst die fieberhafte Grundstimmung der Zeit in adäquate Töne und lässt den Hauptdarstellern doch Raum für Nuancen der Charakterdarstellung: Thomas Glenn spielt den jungen Wissenschaftler Robert Wilson, der ein Nachdenken über den späteren Einsatz der Bombe einfordert, Richard Paul Fink gibt einen Edward Teller, der seine Gefühle hinter jovialem Sarkasmus versteckt, während Eric Owens als General Leslie Groves unbekümmert über seine Diätkur plaudert. Inmitten von ihnen allen steht ein stimmlich wie darstellerisch grandioser Gerald Finley als innerlich zerrissener J. Robert Oppenheimer.
Leider verpufft die angestaute Spannung spätestens im zweiten Teil: Aus der Tatsache, dass die kulturell hochgebildeten Oppenheimers auch Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner bei sich beschäftigten und hinduistische Schriften im Original lasen, will Peter Sellars ein politisch korrektes Menschheitsdrama schmieden – und bleibt doch nur an der Oberfläche. Während Oppenheimer seiner Frau im Bett Baudelaire-Zitate ins Ohr singt, wiegt eine dekorative Gruppe indianischer Amerikanerinnen sein Baby mit Regengesängen in den Schlaf; zuletzt verlieren sich Musik, Szene und Kamera in Aktionismus. Doch auch wenn die Kamera den Sängern zuletzt so dicht auf den Leib rückt, dass man ihnen in die epilierten Nasenlöcher sehen kann: Eine innere Entwicklung kann sie nicht aufzeigen. Schade.

Carsten Niemann, 20.02.2009



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