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Johann Sebastian Bach

Kantaten BWV 51, 82a, 199

Natalie Dessay, Le Concert d´Astrée, Emmanuelle Haïm

Virgin Classics/EMI 519 314-2
(64 Min., 1 u. 11/2008) 1 CD

Ist ihr was geschehen? Oder sinniert sie nur so vor sich hin? Der "Blickfang" mit dem sinnlich wallenden Haar, mit dem Natalie Dessay drei von Bachs Solokantaten präsentiert, funktioniert, zweifellos. Aber passt er auch zum "Inhalt"? Immerhin gehören zwei der eingespielten Werke der Sünden- respektive "stillen Klage"-Fraktion an. Da würde allenfalls das Sinnieren passen. Die PR-Strategen sinnierten auch und warben: "Es ist die Seele, die da singt!" In der Tat singt hier nur die einzelne Seele (und nicht die Gemeinde), was Bach noch durch jeweils einen instrumentalen Gegenspieler zur Singstimme unterstreicht. Aber singt diese Seele nur von sich und ihrem Gefühlshaushalt? Das mag unseren heutigen Intentionen als Großstadtmonaden entsprechen, aber nicht Bachs: Bei aller Emotionalität hat er immer die Zwiesprache der Seele mit (ihrem) Gott, ergo die im wörtlichen Sinn "religiöse", d.h. rückbezügliche Seite seiner Kantatenkunst im Sinn. Und diese findet sich nun gar nicht in dem melancholisch-charmanten Aufmacher Dessays – und auch kaum in ihrer Bachexegese.
Zweifellos ist ihr glockenhelles, gleichwohl nie spitzes Timbre wie ihre brillante Koloraturkunst in den sprichwörtlich jubelnden Arien der "Jauchzet Gott in allen Landen"-Kantate zu bewundern. Aber das Jubilieren bleibt seltsam freudlos, kalt (wobei auch die Textverständlichkeit, obwohl hörbar bemüht, nicht durchgängig gelingt). Analoges gilt, am anderen Ende der Gefühlsskala, für das Herzstück der Einspielung: Selten verklingt die berühmte "Ich habe genug"-Kantate so monochrom, ja teilnahmslos. Vielleicht liegt‘s – subjektives Vorurteil? – an der Einrichtung der Kantate für die exaltierte Sopranlage (statt wie üblich Bassbariton): Aber Dessays "Welt, gute Nacht!" verströmt so gar nichts von Bachs ergreifend stiller, gottergebener (und heilsgewisser) Resignation des Lebensmüden. Umgekehrt stört – gerade auch in den Rezitativen der Kantate "Mein Herze schwimmt im Blut" – manche Manieriertheit, mit der Dessay plastische Textstellen unnötig aufzuladen sucht. Fazit: Dort zu wenig, hier zu viel – das ist insgesamt zu wenig. Auch wenn man das geschmeidig-filigrane Ensemblespiel des klein besetzten Concert d‘Astrée unter der wahrhaft einfühlsamen Leitung von Emmanuelle Haїm in Rechnung stellt.

Christoph Braun, 25.02.2009



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