Nach den Publikumsreaktionen ihrer Premieren zu urteilen, ist Nadja Michael Deutschlands umstrittenste Operndiva: Während die Pro-Partei die Tatsache schätzt, dass endlich einmal eine attraktive Frau die Sexobjekte der Operngeschichte verkörpert, monieren die Contras nicht nur ihren hartnäckigen S-Fehler, sondern auch die seit Michaels Aufstieg ins Sopranfach forcierten hohen Töne. Dass auch bei ihrer Londoner Salome einiges danebengeht, ist freilich das geringere Problem: Schwerer wiegt, dass man fortwährend den Eindruck hat, dass Michael hier unbedingt zeigen wollte, dass sie eine kluge Darstellerin ist. Ihre Salome ist eine Hebräerprinzessin mit ADS-Syndrom, der eben jene unbewusste Erotik fehlt, die den Reiz dieser Figur ausmacht. Das gilt auch vokal, da sich die verderbte Unschuld dieser Kindfrau musikalisch in einer leichten Höhe spiegelt, während Michael diese Töne nur unter Hochdruck produzieren kann.
Die recht schlüssige, von Regisseur David McVicar an Pasolinis "Die 120 Tagen von Sodom" orientierte Inszenierung (deren Entstehen in einem 50-minütigen Making-of dokumentiert ist) wird dadurch leider etwas aus den Angeln gehoben, obwohl Philippe Jordan mit dem Covent-Garden-Orchester eine gute Balance zwischen Opulenz und Transparenz findet. Außergewöhnlich ist die Produktion allein durch Michael Volles idealen Jochanaan. Endlich einmal ein Prophet, der nicht nur mit heldenbaritonaler Autorität auftrumpft, sondern auch weichere Seiten an dieser Figur entdeckt, sie zwischen Wahn, Charisma und Sehnsucht nach spiritueller Erfüllung ansiedelt.

Jörg Königsdorf, 05.03.2009



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