Wer sich derart fantasievoll und wirklichkeitsnah in einen Sechsjährigen einfühlen kann – in einen der Zwanzigerjahre, der noch nicht vor Glotze und Gameboy versauerte, sondern sich allen möglichen Realien seiner Umgebung, angefangen von Möbeln über Tapetenmuster bis zu Haus- und Gartengetier zuwendet, und zwar auf ziemlich boshafte Art –, der muss entweder selbst Kindskopf geblieben oder zumindest ein großer Kinderfreund gewesen sein. Wie Maurice Ravel. Kreativ wie kein Zweiter setzte sich der klein gewachsene Dandy mit der kindlich fantastischen Empfindungs- und Erfindungswelt auseinander (und hielt sich bei Einladungen lieber bei den Kleinen als bei deren Gastgebereltern auf). Nicht wenigen gilt seine 1925 in Monte Carlo uraufgeführte, nach einem Libretto Colettes konzipierte Miniaturoper "L'enfant et les sortilèges" als eine seiner bedeutendsten Schöpfungen. Wobei keinesfalls eine "kindliche", einfach gestrickte Musik bei diesen "Zaubereien" zu hören ist, wenn sich jene Realien auf gespenstische Art an ihrem Peiniger rächen (natürlich mit Happy End). Aber auch die vokale und instrumentale Riesenbesetzung und nicht zuletzt die kondensierte Musiksprache zeigen den Komponisten von seiner anspruchsvollsten Seite. Und von seiner lebhaftesten, witzigsten. Das jedenfalls vermittelt Rattles Berliner Aufnahme, die Ravels "fantaisie lyrique" kurzweiligst zum Leben erweckt.
Auf allen Positionen glücklich, bei Jean-Paul Fouchécourt gar in filmreifer Travestiequalität mustergültig besetzt (allenfalls Magdalena Koženás Knaben hätte man etwas weniger sonore Mezzorundungen, dafür mehr Frechheit gewünscht), beweist Rattle hier eine leichte, spielerische und doch höchst detailverliebte Hand. Solche im besten Sinne "französische" Qualitäten lässt er auch den Schätzen der Spielzeugkiste in Ravels Orchesterwerk "Mutter Gans" angedeihen.

Christoph Braun, 11.04.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das Fünfte Element: Als Protegée des 3. Duke of Essex lässt sich 1714 der italienische Violinist Francesco Geminiani in London nieder, unterrichtet und komponiert. Während Georg Friedrich Händel (letztlich erfolglos) versucht, der italienischen Oper ein Standbein in der Weltstadt zu verschaffen, ist Geminiani als Virtuose erfolgreich. Erst auf Konzerttournee durch Irland, dann auch in London selbst. Den Durchbruch verschafft ihm aber die Bearbeitung eines Meisterwerks: Seine Concerti […] mehr »


Top