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Felix Mendelssohn Bartholdy

Lieder ohne Worte

Roberto Prosseda

Decca/Universal 476 6796
(154 Min., 1 u. 3/2008) 2 CDs

So wohl stellt man sich den magischen Moment vor, wenn ganz unvermittelt die Liebe ins Dasein tritt, wenn im selben Augenblick die Sonne hinter einer dicken Wolkenwand hervortritt und ein Schmetterling vorüberfliegt und auf einem zart im Wind flatternden Blatt Platz nimmt in seiner ganzen Anmut. Ja, so stellt man sich die ganze Schönheit der Welt vor – wie eben diesen zauberhaften Triller aus jenem Musikstück in fis-Moll, das seinem Schöpfer noch posthum nachhallt, weil es ein jeder zu kennen vermeint, dieses zweite "Venetianische Gondellied" aus dem Zyklus "Lieder ohne Worte" op. 30 (das erste, noch berühmtere steht in g-Moll und entstammt dem Zyklus op. 19). Etliche Pianisten haben diesen Triller und das Andante sostenuto gespielt, aber nur wenige haben beides so einfühlsam in Töne gekleidet wie Roberto Prosseda. Ein Klangsensualist von hohen Gnaden ist dieser italienische Künstler, jemand, der sich aus einem Füllhorn an Valeurs zu bedienen weiß. Als erster Pianist überhaupt hat sich Prosseda nun aller 56 "Lieder ohne Worte" angenommen und sie – nebst vier Fugen und dem eigens für diese Aufnahme rekonstruierten Allegro con fuoco in G-Dur – auf zwei silbern glänzende Scheiben gebannt.
Das Ergebnis darf uns froh stimmen. Nachgerade betörend ist die Vielfalt der Charaktere, die Prosseda aus dem imaginären Mendelssohn-Hut zaubert – und damit ein für alle Mal das Vorurteil aus dem Raum scheucht, diese Moments musicaux seien womöglich nur so eine Art Klavierschüler-Gebrauchsmaterial. Das Wunderbare daran ist, dass man aus der Vielheit beliebig auswählen kann: Ein jedes Stück ist bei Prosseda ein Kleinod, mit ureigener Gestalt, mit ganz eigener Farbgebung und vor allem: mit individuellem Schatten. Denn auch dieses Klischee greift Prossedas sinnliche und sinnstiftende Interpretation an: dass Mendelssohn Bartholdy der Komponist des Vergnüglichen und Kulinarischen sei. Der Mann kannte Schumann, und er kannte auch Beethoven und dessen Musik zu gut, um nicht zu wissen, wie schmerzhaft die Welt zuweilen sein kann. Man höre dazu nur das h-Moll-Stück aus op. 30, und man weiß, wie beredt eine Klage sein kann.

Jürgen Otten, 02.05.2009



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