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Frédéric Chopin

Werke für Klavier

Elisabeth Leonskaja

MDG 943 1558-6
(76 Min., 6/2008) 1 CD

Den großen Gestalter bemerkt man häufig nicht in den virtuosen Passagen. Wo die Dinge zügig, rasch oder gar furios vorangehen, lässt sich vieles übertünchen; gelangen sie aber zur Ruhe, zur Einkehr und Einsicht, dann wird deutlich, wes Geistes Kind der Interpret sich nennen darf. Nun muss man über die Qualitäten im Spiel von Elisabeth Leonskaja nicht lange räsonnieren, diese sind offenkundig, gerade im romantischen Repertoire. Dennoch lohnt beispielgebend der präzise Blick auf ein Detail wie den Übergang vom H-Dur-Mittelteil des ersten Chopin-Scherzos op. 20 zurück ins Tempo I (Presto con fuoco). Viele Pianisten übersehen hier die Funktion der gebrochenen Oktaven, betonen allein den (allerdings interessanten) harmonischen Vorgang. Nicht so Elisabeth Leonskaja. Sie lässt diese Oktaven langsamer und langsamer hin und her und schließlich auspendeln, bis sie fast bis zum Stillstand gekommen sind, führt die Bewegung aber gleichsam subkutan weiter, hin zur harten Melodik des Moll-Gedankens. In solchen Momenten weiß man, warum diese Pianistin zu den bedeutenden zählt, weil darin die Verbindung aus Poesie und Intelligenz erfahrbar wird.
Diese glückhafte Verknüpfung kommt auch den anderen Stücken dieser Chopinaufnahme zugute. Die Nocturnes atmen den Geist des Episch-Kantablen, in den Scherzi (es fehlt lediglich das cis-Moll-Stück) waltet stupende clarté und ein warmer, dunkler Ton, der nicht zuletzt auch dem alten Steinway von 1901 zu danken ist, den Leonskaja in letzter Zeit immer benutzt für ihre Einspielungen. Was in allen Interpretationen auffällt, ist die zurückhaltende Diktion. Das Ekstatische ist – auch im Fantaisie-Impromptu (wo es vielleicht eine Spur zu sehr gemildert erscheint) – zurückgedrängt zugunsten einer weisen, weltanschaulich-sachlichen Deutungsart. Auch daran erkennt man die Größe dieser Pianistin. Sie muss uns nicht mehr zeigen, was sie kann. Sie kann es bereits.

Jürgen Otten, 07.05.2009



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