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Johannes Brahms, Ludwig van Beethoven, Richard Strauss

Sinfonie Nr.1 c-Moll; Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, Tanz der sieben Schleier aus "Salome"

Herbert von Karajan, Concertgebouw-Orchester Amsterdam

Naxos 8.11 1298
(69 Min., 9/1943) 1 CD

Dass früher alles besser war, ist ein beliebter Topos der Karajan-Rezeption: Vor seinen geigengeglätteten Siebzigern, erst recht vor den späten jetsetglitzernden, "sound"-gesättigten Digitalvermächtnissen hat der Jahrhundertmaestro noch zu erkennen gegeben, dass er neben Furtwängler wesentlich von Toscanini geprägt worden war. Und mithin nicht nur einer romantisierenden Emphase sondern auch einem vor allem rhythmisch präzisen Energiepuls frönte. Die nun von Naxos‘ phänomenalem Toningenieur Mark Obert-Thorn restaurierte Fassung von Brahms‘ Erster, die Karajan September 1943 im Concertgebouw einspielte, belehrt da eines Besseren – bzw. Schlechteren. Nicht dass es hier an Präzision fehlen würde, im Gegenteil: Man kann nur staunen über Karajans legendäre (frühe) rhythmische und klangfarbliche Detailbesessenheit. Aber ihr fehlt der Vorwärtsdrang. Als wollte sich der 43-Jährige seinem gefürchteten Übervater Furtwängler bei der Bewerbung um den Chefposten bei den Berliner Philharmonikern andienern, zelebriert er einen, wenn man so will, "urdeutschen": tiefschürfend-ernsten, traditionsbeladenen Brahms. Und einen seltsam resignierten dazu.
Schon die dumpfen c-Moll-Schläge zu Beginn werden so gar nicht als harsches Manifest eines Sinfoniker-Neulings inszeniert, der sich trotzig mit einem "Jetzt komme ich!" präsentiert; sondern als selbstzweiflerisches Symbol für Brahms‘ endlose Bemühungen, endlich aus dem Schatten Beethovens heraustreten zu können – vergeblich! Hinzu kommt eine behäbige Tempowahl mit breit genommenen Ritardandi. Dabei wird auch enttäuscht, wer auf das – bekanntlich bei Beethoven vorexerzierte – Prinzip des "per aspera ad astra" spekuliert und hofft, nach den düsteren c-Moll-Kämpfen werde Karajan eine hinreißende C-Dur-Apotheose hinlegen. Was gleichwohl die Wiederveröffentlichung zum bemerkenswerten Dokument macht, sind die beiden Zugaben: eine im Vergleich zu Brahms weit "befreiter" aufspielende Leonoren-Ouvertüre und ein so exzessiv ausgekosteter wie akribisch ziselierter Salome-Tanz. Und nicht zuletzt ein phänomenales Concertgebouworkest, das schon damals seinem Weltklasse-Ruf alle Ehre machte. Die großdeutschen Berliner Kollegen mussten neidisch werden.

Christoph Braun, 25.05.2009



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