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Robert Schumann, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert

Liederabend

Fritz Wunderlich, Hubert Giesen

Hänssler Classic/Naxos 93.701
(58 Min., 5/1965) 1 CD

Die Zeugnisse von Fritz Wunderlichs Liedgesangskunst können, weit mehr noch als etwa seine Hinterlassenschaft als Operninterpret, immer nur als Torso empfunden werden: Zu kurz vor seinem frühen Tod erst kam er mit dem Pianisten Hubert Giesen in Kontakt, den er schnell als seinen Mentor in Sachen Kunstlied betrachtete. Giesen gelang es nämlich, in akribischer Detailarbeit Wunderlichs Sensus für das Lied weiterzuentwickeln und ihm dabei zu helfen, sein interpretatorisches Handwerkszeug beträchtlich zu erweitern. Leider konnten die beiden neben der "Schönen Müllerin", mit der sie ins Plattenstudio gingen, im Wesentlichen nur ein einziges komplettes Liederprogramm erarbeiten und auf verschiedenen Bühnen konzertant zu Gehör bringen: Es handelt sich um Schumanns "Dichterliebe", kombiniert mit einer Gruppe Beethoven- und einer Gruppe Schubertlieder. Von diesem Programm existieren mehrere Livemitschnitte, u. a. von den Salzburger Festspielen, und auch eine Studioaufnahme. Nun ist eine weitere Liveversion aufgetaucht, festgehalten vom SWR im Mai 1965.
Das Tondokument dessen, was Wunderlich und Giesen da im Schwetzinger Schloss zu Gehör brachten, ist auch für den Hörer von Interesse, der andere Mitschnitte des Programms kennt. Wir erleben Wunderlichs Stimme auf der vorliegenden CD nämlich teils noch vollkommener als anderswo: Noch perfekter ist sein Gesang mit dem Körper verbunden, noch fließender und nahtloser gelingt ihm oft der Übergang in die hohe Lage. Schon im ersten Lied der "Dichterliebe" wird das deutlich, und es setzt sich fort bis zur finalen Schubertgruppe, innerhalb derer wir eine überaus reizvolle Version von "Der Einsame" zu hören bekommen. Und dazwischen die Beethovenlieder: Der erste Teil von "Adelaide" gelingt besonders zauberhaft im Spannungsfeld zwischen beherztem Zugreifen in den Steigerungspassagen und entspanntem Geschehen-Lassen während der lyrischen Abgesänge. Dazu ein interessanter Nebenbefund: Noch nie haben wir bei Wunderlich so viele Textfehler erlebt. Sein Gedächtnis galt als außerordentlich gut, weshalb ihm in der Regel kaum ein einziger solcher Lapsus passierte. Könnte in diesem Fall eine besonders leidenschaftliche, rückhaltlose Hingabe an den Ausdruck der Grund dafür sein, dass er viel öfter als gewöhnlich Worte oder Gedichtzeilen durcheinanderbrachte?

Michael Wersin, 12.06.2009



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