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Max Reger, Johann Sebastian Bach

Werke für Viola solo

Tabea Zimmermann

Myrios Classics/harmonia mundi MYR003
(66 Min.) 1 CD

Selten verlassen die drei Suiten für Viola solo von Max Reger die heimischen Wände dessen, der sie spielt: Zwar sind die 1915 entstandenen Spätwerke nicht nur pädagogisch wertvoll, sondern auch kompositorisch durchaus beachtenswert, doch geben Bratscher nun einmal so gut wie nie Recitals, kommen drum selbst beim bestem Willen kaum dazu, sie zu öffentlich spielen. Auf ihrer neuesten CD nutzt Tabea Zimmermann die Chance zur Ehrenrettung Regers und denkt zugleich über die Trias hinaus – beziehungsweise zurück. Zurück zu Bach nämlich, der für Reger ganz allgemein das A und O war und für die Suiten im Besonderen das unverhohlene Vorbild.
Tabea Zimmermann allerdings müht sich nach Leibeskräften, dass Reger und Bach trotz der vielen Parallelen nicht in einen Topf geraten: Sie verleiht den drei Suiten op.131d eine klangliche Verbindlichkeit, einen emotionalen Nachdruck und auch eine leicht fiebrige Wärme, die ganz und gar Fin de Siècle und nicht Barock sind. Sie nimmt die Metrik und Rhythmik des Notentextes oft nur noch als Anhaltspunkte für eine sich letztlich frei entfaltende, ganz aus dem Innern herausgeführte Bewegung.
Für die direkte Konfrontation mit Bach hat Tabea Zimmermann mangels Alternativen die beiden ersten der Sechs Suiten für Cello adaptiert – von denen weiß man eh nicht ganz genau, für welches Instrument sie dereinst gedacht waren: ob schon für ein mit den Knien gehaltenes Cello oder für ein kleineres, an der Schulter angelehntes Zwischending zwischen Cello und Bratsche. Bei modernen Instrumenten zumindest ist der Unterschied zwischen dem einen oder dem anderen gewaltig. Gegenüber dem Violoncello hat es die Viola hörbar leichter: nicht primär klanglich, sondern eher, was die Artikulation und Gelenkigkeit betrifft. Was bei Cellisten Kraft verlangt, schüttelt eine Bratschistin wie Zimmermann locker aus dem Handgelenk.
Wie anders klingt nun dieser Bach, nicht nur im Vergleich zur üblichen Interpretation auf einem Cello, sondern im direkten Vergleich mit Max Reger. Ganz selbstbewusst stellt Tabea Zimmermann beide Komponisten auch nicht in Reih und Glied, spielt erst den einen und dann den anderen, sondern verschachtelt beide ineinander: Die drei Suiten von Reger werden getrennt von je einer Suite Bachs. Diese Reihenfolge beim Hören beizubehalten, sei dringend empfohlen. So nämlich werden nicht nur Nähe und Distanz zwischen der barocken Welt Bachs und der neo-barocken Welt Regers sinnfällig – sinnfällig wird auch, wie differenziert und stilsicher Tabea Zimmermann beide Welten als Interpretin auseinander hält. Die Emphase und nervöse Erregung, mit der sie Reger auflädt, weicht bei Bach schlagartig einer inneren Gelassenheit und feinen Objektivität: Der eben noch sich schwer in die Saiten drückende Bogen bewegt sich auf einmal ganz grazil, lässt viel Luft zwischen die Töne, der Rhythmus (dessen Kontur bei Reger zuweilen zu verschwimmen droht) ist nun deutlich klarer gezeichnet, der Puls ebenmäßiger, der Klang transparent und weitgehend frei von Vibrato. Es fehlt nicht viel und man würde diese Aufnahme für die einer Spezialistin der Alten Musik halten.

Raoul Mörchen, 17.07.2009



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