"Du bist der Nächste!" weissagte die Klavierpädagogin Tatjana Nikolajewa ihrem Lieblingsschüler Nikolai Lugansky, und sie meinte damit: Er wäre der nächste russische Pianist vom Kaliber eines Emil Gilels oder Swjatoslaw Richter. Und viele seiner Aufnahmen, etwa Beethoven oder Rachmaninow, lösen das Orakel bereits jetzt ein. Diese DVD zeigt einen Abend beim Festival von Verbier, und das bedeutet zweierlei: 1) Nichts kann geschnitten werden und 2) man sieht ihn auch, diesen "Kömmling", hört ihn nicht nur. Er ist noch relativ jung, 37 Jahre (aber sieht noch jünger aus), das Klavier scheint er ohne sonderliche Anstrengung zu spielen, auch ohne Aufhebens – keine Grimassen à la Brendel, aber auch nicht die scheinbare Teilnahmslosigkeit eines Horowitz, bei dem sich oberhalb der Hände nicht viel zu bewegen schien. Nur einmal, bei einer Zugabe, kommt Lugansky kurz ins Schwitzen, beim g-Moll-Prélude von Rachmaninow. Dieses Paradestück von Richter perpetuiert und steigert einen Marschrhythmus so, dass es den Interpreten zwingt, seine Reserven anzuzapfen. Bei Lugansky aber hört man das nicht – man sieht es nur, wenn seine gleichmütige und nur manchmal himmelwärts gewandte Miene eher den Tönen nach- beziehungsweise vorausblickt und sich auch ein bisschen verkrampft. Aber nur ein bisschen.
Das Programm ist auf intime Art ziemlich monumental. Lugansky beginnt mit Janáčeks Sonate "1. X. 1905", dem sehr spröden, sehr nachdenklichen Reflex auf einen Aufstand in Brünn, der blutig niedergeschlagen wurde. Das ist in etwa so, als ob man ein lukullisches Menü mit einer Portion Haferschleim beginnt. Aber warum nicht, wenn so gut gewürzt wie hier?! Dann jedoch wird gebuttert: Prokofjews so virtuose wie lyrische wie vollgriffige "Romeo und Julia"-Suite, Rauschendes und Reflexives von Liszt, drei Rachmaninow-Préludes und – besonders quirlig-quecksilbrig – Chopins Etüde F-Dur op. 10/8. Das alles so kraftvoll, so "männlich" wie bei Richter, aber auch so lyrisch, so subtil abgetönt wie bei Gilels (der in guten Konzerten sogar Rubinstein übertrumpfte, in misslingenden unwirsch immer mehr patzte). Jeder Schneidemöglichkeit beraubt, zum Beispiel mit Probenauszügen, greift natürlich auch Nikolai Lugansky mal in den Schatten, aber äußerst selten. Und trotzdem ist er kein Klavierspiel-Automat, keine Welte-Mignon-Klavierrolle, die, einmal gestanzt, immer gleich klingt. So kühl-konzentriert er bei seinem Spiel manchmal wirkt – das atmet doch alles, es lebt und geht nicht selten voll ins Risiko. So, wie großes Klavierspiel eben sein sollte.

Thomas Rübenacker, 07.08.2009



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