Responsive image

Gottfried Benn: Lyrik und Jazz

Gert Westphal

Philips/Universal 1796620
(46 Min., 1960) 1 CD

Nach der legendären Jazz-und-Lyrik-Produktion mit Gedichten von Heinrich Heine hat man mit dem Gottfried-Benn-Album jetzt den Klassiker dieser Reihe nach Jahrzehnten wieder zugänglich gemacht. Anders als bei dem eigentlich später erschienenen Heine-Projekt, bei dem eine eigens um den Gitarristen Attila Zoller gebildete All-Star-Formation live mit den Rezitationen des genialen Sprechers Gert Westphal interagierte, sorgte bei dieser Einspielung der Produzent Joachim-Ernst Berendt mittels der Montage von Aufnahmen des Dave-Brubeck-Quartetts und verschiedener Hard-Bop-Combos des Posaunisten Jay Jay Johnson für den musikalischen Widerpart zu Gert Westphals Vortrag. Berendt, zunächst lange als "Jazzpapst" bewundert und gegen Ende seiner Tätigkeit dann auch geschmäht, verfügte über eine profunde und höchst sensible Kenntnis des Jazzfundus seiner Zeit und ihrer Literatur. Die aus diesem Fundus geschöpften Musikmontagen zu den trefflich ausgewählten Texten, die wiederum von Gert Westphal quasi musikalisch in stets vitalem und punktgenauem Bezug zu den Jazz-Zuspielungen rezitiert werden, sind vielleicht die größte Produzentenleistung des Jazzgurus Berendt. Die Musik gerät hier zwar einerseits als Folie auf eine gewisse Hintergrundsebene, andererseits aber werden einzelne Partien durch die Montage unversehens mit tiefer Bedeutung und so mit einer Qualität aufgeladen, an die sie ohne das Wort nie heranreichen würden. Die expressiven, dann wieder protokollarisch kühlen Texte Benns, diese "Seelenauswürfe des 20. Jahrhunderts" und der Jazz, den Berendt gern als die neue klassische Musik des 20.Jahrhunderts sah, gehen auf dieser Produktion eine einmalig spannende und erregende Verbindung ein. Wer diese gehört hat, ist für andere Benn-mit-Musik-Adaptionen weitgehend verloren! Ein weiteres Meisterwerk der Berendt-Westphal-Lyrik-und-Jazz-Produktionen schlummert in den Gewölben: das "Halleluja aus dem Niemandsland" mit Gedichten von Hans Magnus Enzensberger. Nach Heine und Benn schreit es danach, eine Trilogie der Lyrik-und-Jazz-Wiederveröffentlichungen zu beschließen.

Thomas Fitterling, 11.09.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Heute auf den Tag genau, am 26. Januar, wäre sie 75 Jahre alt geworden: Jacqueline du Pré, die viel zu früh verstorbene Ausnahmecellistin, Schülerin von Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch. Legendär ist nicht nur ihre Aufnahme des Cellokonzerts von Edward Elgar, nein, das Werk selbst, mittlerweile beliebt im Konzertsaal, erfuhr durch du Pré erst seinen Aufschwung: Die Londoner Uraufführung am 27. Oktober 1919 war zunächst eine große Enttäuschung. Der Dirigent Albert Coates hatte […] mehr »


Top