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Joseph Haydn

Klaviersonaten

Tzimon Barto

Ondine/Note 1 ODE1154
(77 Min., 1/2009) 1 CD

Wie man Haydn zu spielen habe? Nun, das ist so eine Frage. Legt man nur vier erlesene Interpretationsmodelle zugrunde, kann man schon ins Grübeln kommen. Denn sowohl die beiden bedeutenden Österreicher Alfred Brendel und Rudolf Buchbinder, als auch Marc-André Hamelin, der kraftvoll-virile Kanadier, und Ragna Schirmer, das ewige deutsche Talent, haben Haydndeutungen vorgelegt, die eines verbindet (dass sie sämtlich beträchtlich gelungen sind), die aber zugleich sowohl klanglich als auch gestisch Lichtjahre voneinander entfernt sind. Mit einem Wort: Man wird nicht klüger, je mehr man sich hineinvertieft in die Sache. Aber damit sind zwei Stichworte gegeben. Erstens: Wir sind auch nach dem mehrmaligen Anhören dieser blitzenden Scheibe fast so klug als wie zuvor. Zweitens: Wir haben gehört, wie es ist, wenn sich jemand hineinvertieft in die Angelegenheit der Kunst. Denn die Art und Weise, wie Tzimon Barto Haydn spielt (oder präziser ausgedrückt: wie er die Sonaten Nr. 10 und Nr. 60 in C-Dur, Nr. 38 in F-Dur, sowie Nr. 42 in G-Dur sinnierend betrachtet), gleicht in der Tat einem absoluten In-die-Sache-sich-Hineinvertiefen. Haydns Klaviersonaten als Forschungsobjekt. Barto gebietet über genügend Klangsinn, um dieses Unternehmen wagen zu können. Allein das Andante aus der frühen C-Dur-Sonate zeigt, wie transzendent Haydn klingen kann: so als sei er der Welt abhanden gekommen. Zugleich liegt darin eine nicht unerhebliche Gefahr: die der Zerfaserung nämlich. Man darf nicht vergessen, dass Haydn dem klassischen Formmodell zumindest verpflichtet ist, auch wenn er sich diesbezüglich Freiheiten gönnt. Barto gönnt sich und damit ihm (Haydn also) ein paar der Freiheiten zu viel, was zur Folge hat, dass einzelne Sätze auseinander fallen in für sich genommen wundersame Moments musicaux. Die Geschlossenheit der Sonate verbietet derlei Fragmentierung eigentlich. Sagen wir es also salomonisch: Man hört ihm gerne zu, diesem Pianisten. Aber bald ist man selbst so versponnen wie sein Spiel, dass man dringend einen Kaffee braucht.

Jürgen Otten, 11.09.2009



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