Damals, 1893, half noch der liebe Gott, zumindest auf der Märchenbühne. Heute muss das Jugendamt eingreifen. Längst ist Humperdincks "Hänsel und Gretel" nicht mehr nur eine Oper für, sondern auch über Kinder – und eine Spielwiese für Regisseure tiefschürfend-psychoanalytischer wie herb-sozialkritischer Art, die auch Kinderschänderei, Kannibalismus und andere Perversionen "nur für Erwachsene" aufdecken (wie Giancarlo del Monaco 2005 in Erfurt, Nigel Lowery 1997 in Basel oder David Pountney schon 1987 an der English National Opera). Damit hat Moshe Leisers und Patrice Cauriers recht "naturalistische" Inszenierung am Königlichen Opernhaus Covent Garden nichts am Hut. Im üppigen, fantasievollen Detail höchst liebevoll gestaltet, vom Titelpaar Damrau/Kirchschlager putzmunter geschauspielert (wenngleich etwas vibrato-schwerlastig gesungen) ist hier eine rundum kurzweilige Produktion gelungen – durchaus für Kinder, und zwar "moderne", frech-aufgeweckte, die am Schluss das Hexenhaus mitsamt Hexe (Anja Silja als betont unsympathischer Hausdrachen) in einer großen Lebkuchenorgie realiter verspeisen dürfen. Gerade dieses Belohnungs-Happy-End kehrte Laurent Pelly in Glyndebourn mit seiner Oper über heutige Kinder (ergo über uns alle) ins Gegenteil. Da müssen die beiden Kleinen (Jennifer Holloway und Adriana Kučerová mit schauspielerisch formidablen Ecken und Kanten, schlankem Sopran und leider miserablem Deutsch) vor ihren versoffenen Erzeugern Reißaus nehmen in eine Art Industriebrache mit abgeknickten Telegrafenmasten, die nur sehr bedingt deutsche Märchenwaldromantik suggerieren. Hier treffen sie nicht nur Sand- und Taumännchen samt 14 Engel, sondern auch Wolfgang Ablinger-Sperrhacke: Als wäre sein Name Programm, mimt der formidable Bariton eine männliche Hexe, wie sie greller, skurriler, geschmackloser, kurzum: britischer nicht sein könnte. Und wo "residiert" sie/er? Als Kassierer in einem Supermarkt randvoll mit Süßigkeiten, wo sich die "verführten" Kleinen allzu gerne mästen lassen. Schon allein dieses provozierend-erhellenden Plots wegen ist Glyndebourne der Vorzug zu geben, zumal es im dortigen Orchestergraben unter Kazushi Ono schnittiger, schlagkräftiger zugeht als in Covent Garden, wo Colin Davis recht süffig in Humperdincks Wagnerianismen schwelgt.

Christoph Braun, 18.09.2009




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