Die Sensation des Puccini-Jahres wurde in Deutschland erstaunlicherweise kaum zur Kenntnis genommen: Mit dem Wiederauftauchen der Urversion des "Edgar" aus dem Archiv der Familie Puccini wurde es 2008 möglich, die zweite Oper des Komponisten zum ersten Mal seit der Uraufführung 1889 wieder vollständig aufzuführen. Denn nach der lau aufgenommenen Premiere an der Mailänder Scala hatte Puccini sein Opus mehrfach stark bearbeitet und vor allem gekürzt: Die bisher gängige dreiaktige Fassung von 1892 etwa enthält gut eine Stunde weniger Musik und macht sich gegenüber dem Original wie ein großer Querschnitt aus. Der ganze "Edgar" dürfte auch das hartnäckige Vorurteil gegen das Stücke revidieren: Zwar ist die an "Tannhäuser" erinnernde Handlung um einen Mann zwischen zwei Frauen – die eine Heilige, die andere Hure – nicht besonders originell, bietet aber Gelegenheit zu effektvollen Showdowns, die erst in der Langfassung ihre dramatische Wucht entfalten können. Und vor allem steckt in der Musik schon überraschend viel erstklassiger Puccini: In puncto Orchesterfarben, Harmonik, Melodiebildung ist "Edgar" schon ganz nah an "Manon Lescaut" und erinnert teilweise sogar an "Tosca". Dass dagegen vor allem die Fiese im Stück, die Zigeunerin Tigrana, noch eher mit den Opernklischees des 19. Jahrhunderts gezeichnet ist, dürfte heute wenig stören. Der Mitschnitt der ersten Wiederaufführung an Turins Teatro Regio ist mithin konkurrenzlos. Und gut ist er auch: Die Verlegung der Mittelalter-Story in die Zeit der Jahrhundertwende funktioniert recht gut, die Sänger erreichen zwar nicht ganz das Niveau des bei naïve veröffentlichten Radio France Mitschnitts der 1892er Version mit Julia Varady, sparen aber nicht an großen Gefühlen: José Cura zeichnet mit seinem schweren Tenor einen stiernackigen Edgar, die Russin Julia Gertseva gibt als Zigeunerin hingebungsvoll das Luder und Amarilli Nizza macht als Fidelia das, was ihr im Vergleich mit Varady an Zerbrechlichkeit und Subtilität fehlt, durch ihren frischen, dramatisch standfesten Spinto-Sopran wett.

Jörg Königsdorf, 30.10.2009



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zwei geniale Geiger auf einer CD vereint, die die Welt der Klassik und die des Jazz miteinander verbinden, als wäre es das natürlichste der Welt. Einfach toll! Stéphane Grappelli, der französische Geigenvirtuose, weitgehend Autodidakt, aber übersprudelnd vor musikalischen Ideen traf 1973 erstmals auf den acht Jahre jüngeren Yehudi Menuhin, ehemals Wunderkind und damals längst Geigen-Legende. Grappelli hatte mit dem Quintette du Hot Club de France die Clubs aufgemischt, Menuhin die […] mehr »


Top