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Johann Sebastian Bach

Das Wohltemperierte Klavier I

Maurizio Pollini

DG/Universal 477 8078
(110 Min., 9/2008 u. 2/2009) 2 CDs

Er hat lange gewartet, ungewöhnlich lange. Mehr als 40 Jahre hat Maurizio Pollini verstreichen lassen, bis er sich an des Alten Testaments Ersten Teil heranwagte, an das Wohltemperierte Klavier, Buch eins. Die Gründe liegen im Dunkeln, können dort auch liegen bleiben. Denn einmal hat sich Pollini in diesen 40 Jahren seiner Laufbahn nicht den Wind um die Nase wehen lassen, sondern etliche bedeutende Interpretationen im Konzertsaal wie im Studio zuwege gebracht. Und zum Anderen ist Bach, das müssen auch einige jüngere Pianisten konzedieren, durchaus ein Fall für den gereiften und wissenden Künstler – siehe Daniel Barenboim. Während dieser aber das Vorbild Harold Samuel immer und überall durchscheinen und nichts unversucht lässt, wo es nur geht, eine mystische Dimension in Bach zu entdecken (die manchmal da ist, manchmal aber auch nicht), bleibt Pollini ganz souverän auf dem Teppich. Zwar singt er zuweilen mit wie Glenn Gould, doch trägt sein Agieren das Gepräge einer Sachlichkeit, die ihresgleichen sucht. Nichts ist da zu hören oder zu spüren von einer möglichen philosophischen Überhöhung des Notentextes. Alles ist logisch durchhörbares Konstrukt, vorgebracht zum Zwecke der Verständlichkeit. Wie häufig sind die Tempi rasch, zumal in den Präludien, hier und da und dort wirken sie sogar ein wenig getrieben. Pollini folgt hier dem Ideal einer gleichsam perpetuierenden Motorik als Triebfeder des Fortkommens – einer Motorik, die jedes romantisch gefügte Agogisieren a priori und eo ipso ablehnt, stattdessen kontrapunktische Dichte statuiert. Dadurch erfahren die Stücke eine äußerst strenge Behandlung, die man sich in manchen Minuten weniger streng wünschte. Kurzum: eine sehr intellektuell durchwirkte Interpretation. Die uns mit Spannung warten lässt auf des Projektes noch verbleibenden Teil: das Wohltemperierte Klavier, Buch zwei. Vielleicht löst sich Pollini dann aus jener Anspannung, die hier doch deutlich erahnbar ist.

Jürgen Otten, 30.10.2009



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