Das 1851, im Spätherbst seines kurzen Lebens komponierte Oratorium "Der Rose Pilgerfahrt" hatte Robert Schumann nach eigenen Worten "ins Dörflerische, Deutsche gezogen". Was hier aber wohl als Betonung eines neu eingeschlagenen Weges speziell auf dem oratorischen Feld gedacht war, lässt sich bereits in einem Werk erahnen, mit dem Schumann lange gerungen hatte. Es sind die 1844 begonnenen "Szenen aus Goethes Faust", die Schumann noch bis ins Jahr 1853 beschäftigen sollten. Und was zunächst als Versuch gedacht war, eine Faustoper zu schreiben, mündete schließlich in einem Gattungszwitter aus Kantate, Oratorium und Chorsinfonie. Diese formale Unentschiedenheit trägt jedoch nicht die alleinige Schuld daran, dass das rund zweistündige Werk für immerhin acht Vokalsolisten, Chöre und Orchester bis zum heutigen Tag einen eher zwiespältigen Ruf genießt. Die einen scheinen sich trotz der dramaturgisch unbefriedigenden Faust- Episodik, die in der verklärenden Überhöhung aus Goethes "Faust II" kulminiert, nicht an dem dauerlyrischen und permanent schwelgerischen Riesenbogen zu stören. Die anderen durchzuckt allein bei dem volkstümlich biederen Chor der Lemuren im Abschnitt "Fausts Tod" ein großes Unbehagen.
Wenn die gegenüberstehenden Seiten sich schon nicht miteinander versöhnen lassen, so hätte man gerade von Nikolaus Harnoncourt erwartet, dass er zumindest für eine Annäherung sorgt. Zwar hat Harnoncourt in die Trickkiste gegriffen, um die Spieldauer der Faustszenen erträglicher zu machen. Zwar blitzen immer wieder romantische Welten à la Carl Maria von Weber sowie Wagnerwogen als scheinbar psychologisierende Folie auf. Dennoch hat es nichts genutzt, denn selbst in dem jetzt sanft und klangschön ausgebreiteten "Chorus mysticus" schwingt die reine Lehre vom Trivialpathos mit. Und die durchweg zuverlässigen Solisten können kaum die Vermutung widerlegen, dass Schumanns "Faust-Szenen" vielleicht doch nur ein Missverständnis gewesen sind.

Guido Fischer, 13.11.2009



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