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Jacob Obrecht

Missa de Sancto Donatiano

Cappella Pratensis

Fineline Classical/SunnyMoon FL 72414
(61 Min., 11/2006) 1 CD, + DVD (118'')

Spätmittelalterliche Altarbilder mögen schön sein, aber bei den meisten Museumsbesuchern sorgt die Wiederkehr der scheinbar immer gleichen Kreuzigungsszenarien auf die Dauer für beträchtliche Langeweile. Ähnlich verhält es sich mit spätmittelalterlichen Messen, die für die meisten Hörer kaum voneinander zu unterscheiden sind. Doch die kombinierte CD- und DVD-Einspielung von Jacob Obrechts "Missa de Sancto Donatiano" räumt mit derlei Frust gleich doppelt auf. Dank seines kriminalistischen Forschungseifers ist es dem Oxforder Professor Reinhard Strohm nämlich gelungen, die Entstehungsbedingungen und die Aufführungssituation des Werks so genau zu rekonstruieren, wie das bei kaum einer Messe des Spätmittelalters der Fall ist. So wissen wir, dass die Messe am 14. Oktober 1487 um sieben Uhr abends in der Privatkapelle der jungen Witwe eines mächtigen Brügger Pelzhändlers unter dem Läuten der Glocken und dem Spiel der großen Orgel aufgeführt wurde. Und dank der Cappella Pratensis wissen wir nicht nur um diese historische Situation, sondern dürfen sie miterleben: Wir sehen, wie sich die Sänger mit ihren Gewändern in der halbdunklen Kirche dicht um das große Notenpult mit den originalen Noten scharen. Wir sehen und hören, wie sich ihre sauber und kunstfertig intonierten, mehrstimmigen Gesänge mit den Gebeten des Priesters abwechseln, der mit seinen Ministranten im Hintergrund den uralten Ritus zelebriert. Gleichzeitig sehen wir aber auch die junge Witwe vor dem Altarbild knien und erkennen plötzlich, dass es die gleiche Frau ist, die zu Füßen des Gekreuzigten abgebildet ist. Und dank der mitgelieferten Dokumentation, in der uns die Beteiligten mit auf ihre Reise durch die Brügger Archive nehmen, entdecken wir mit gleicher Deutlichkeit eine große Anzahl von Details, die den Pelzhändler, seine Frau und ihre Schutzheiligen in dieser rekonstruierten mittelalterlichen Multimedia-Performance aus Wort, Ton und Bild lebendig werden lassen.

Carsten Niemann, 05.12.2009



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