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Ludwig van Beethoven

Sämtliche Klaviersonaten

Gerhard Oppitz

Hänssler Classic/Naxos 98.200
(606 Min., 11/2004-1/2006) 9 CDs

Das Herkulische der Tat ist evident. Innerhalb von nur 15 Monaten hat Gerhard Oppitz sämtliche Klaviersonaten Beethovens für die Ewigkeit präpariert und damit einen Meilenstein der Interpretation gesetzt. Ort des Geschehens war der historische Reitstadel zu Neumarkt in der Oberpfalz, ein hoch aufragendes Gebäude mit einer relativ halligen Akustik. Das öffnet den Raum für die orchestralen Dimensionen, die man im Spiel dieses Pianisten ohnehin meist zu gewärtigen hat, das öffnet somit auch den Raum für das Weitausgreifende, das diesem heroischen Testament Beethovens grosso modo innewohnt. Insofern ist es eine bemerkenswerte Aufnahme, denn kein Zweifel kann an der pianistischen Souveränität dieses Unternehmens aufkommen: Oppitz beherrscht sein Instrument, er beherrscht Form und Inhalt, und er beherrscht die Materie. Am besten beherrscht er sie dort, wo Beethoven voluminös-appassoniert zu Werke geht, wo er die Fesseln der Klassik abstreift und einen Orkan der Leidenschaften entfacht – so etwa in der f-Moll-Sonate op. 57, die nicht zufällig den Beinamen "Appassionata" trägt, so auch, wen wundert es, in der "Hammerklaviersonate" und im Kopfsatz der letzten Sonate. Das besitzt Gewicht, Format, das besticht durch eine griffige Dramaturgie und seinen üppigen, kompakten, blühenden, nie verschwommenen Klang. Oppitz darf zu den Bildhauern unter den Pianisten zählen. Er meißelt sich die Gebilde zurecht. Aber eben darin liegt nicht geringe Gefahr. Zu wenig wendet sich der gefesselte Prometheus den lyrischen Seiten der Welt zu, zu stark ist sein (Zu)Griff. Beethoven sitzt in der Klammer, und das merkt man schon in den frühen Sonaten, die kaum etwas Flirrend-Melodisches mehr besitzen und viel zu anständig klingen. Besonders aber leiden unter dieser auch klanglichen Strenge, und das fast durchweg, die langsamen Sätze – zumal da, wo Beethoven sich in Träumen verliert (was er ja tatsächlich manchmal tut): Da findet sich kein Wähnen, kein Zaudern, da ist kaum Geheimnis. Gerhard Oppitz ist ein großer Rhetor, aber er ist kein großer Erzähler. Das Kompliment gilt dennoch der Gesamtleistung. Sie hat Bestand. Wenngleich keine Magie.

Jürgen Otten, 19.12.2009



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