In dem sympathischen Porträt "The Art of Belcanto", das als Bonus der DVD von Donizettis "Lucrezia Borgia" beigegeben ist, äußert Edita Gruberova irgendwann einen leisen Zweifel: Ob sie nicht langsam zu alt sei, um Mädchenrollen wie Lucia di Lammermoor auf der Bühne darzustellen? Egal, wie sich die "Grubi" entscheiden wird – die Aufzeichnung aus der Bayerischen Staatsoper zeigt, dass es für die 62-Jährige noch genug Rollen gibt, in denen sich das Problem optischer Glaubwürdigkeit nicht stellt. In Christof Loys subtiler Inszenierung ist Reife sogar ein Plus: Der Spagat, der der Gruberova zwischen verhasster Giftmischerin und liebender Mutter gelingt, ist ebenso beeindruckend wie ihr noch immer fast uneingeschränkt treffsicherer Koloratursopran (für Mäkler wird das unsichere hohe Schluss-Es in der Gruberova-Doku übrigens perfekt nachgeliefert). Sicher: Man kann diese relativ lyrische Partie mit mehr Klang in den tiefen Tönen und mehr Farben in der Mittellage singen, doch wie die Gruberova ihre Lucrezia unter emotionaler Dauerspannung hält, wie sie Koloraturen als Ausdruck von Gefühlen singt, ist immer noch ziemlich einzigartig. Anders als bei vielen ihrer CDs hatte die Diva in München zudem exzellente Comprimari: Sowohl Franco Vassallos schmierig-fieser Herzog wie Pavol Bresliks strahlend-treuherziger Gennaro zeigen, dass sie ihre Lektion in expressiver Belcanto-Ausdeutung gelernt haben. Und Alice Coote macht sogar aus dem Leichtfuß Orsini eine Figur mit Tiefgang. So singt man Donizetti im 21. Jahrhundert.

Jörg Königsdorf, 02.01.2010



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