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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Benjamin Britten

The Canticles

Ian Bostridge, David Daniels, Christopher Maltman, Julius Drake

Virgin Classics/EMI 5 45525 2
(75 Min., 9/2001-10/2001) 1 CD

Ian Bostridge ist einer der größten Literaturkenner unter den Tenören. Versuchte man, bei seinem Vortrag vom Gesang zu abstrahieren, blieben bei diesem Sänger allemal spannende Lesungen übrig. Natürlich ist dieses Gedankenexperiment eine schwere Aufgabe: Bostridges jugendlich frischer Tenor mit dem männlichen Kern ist zu charmant, als dass man sich seinem Reiz lange entziehen könnte.
Nun hat sich Bostridge zusammen mit dem Kontratenor David Daniels und dem Bariton Christopher Maltman, die seine Stimmfärbung bisweilen in die Höhe bzw. Tiefe fortzusetzen scheinen, der "Canticles" von Benjamin Britten angenommen. Fünf solcher Vertonungen religiös inspirierter Texte hat Britten im Laufe seines Lebens geschrieben; die Vorlagen reichen vom mitteralterlichen Dialog über frühbarocke emblematische Texte bis hin zu den mysthischen bis skeptischen Versen T. S. Eliots. Britten setzte die oft recht langen und pathetischen Textzeilen mit Geläufigkeit, mit makelloser Technik und vornehmer Illustrationskunst um, ohne die entrückten Worte mit subjektivem Ausdruck zu überfrachten.
Bostridge und seine Mitstreiter folgen ihm mit Anteilnahme, Geschmack und kluger Ökonomie der Emotion. Mehr als eine Anthologie religiöser englischer Verse oder als ein schön aufgemachtes Hörbuch ist die Auswahl dieser Werke für mich jedoch nicht: Der Musiker Britten scheint mir in den "Zugaben" der CD, den forschend ausharmonisierten Volksliedbearbeitungen in weniger Tönen mehr Eigenes zu sagen. Es sei denn, man hört die homosexuellen Untertöne in den "Canticles" mit, die das Beiheft nur am Rande erwähnt. Dann erst kann man sich vergegenwärtigen, was es für Wissende bedeutet haben muss, wenn Brittens Lebensgefährte Peter Pears, geschützt durch die Unantastbarkeit der Heiligen Schrift, aller Welt in zärtlichem Legato verkündete "I give him songs, he gives me length of days".

Carsten Niemann, 03.10.2002



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