Guy de Maupassants Erzählung "Le Rosier de Madame Husson" diente Benjamin Britten 1947 als Vorbild zu seiner komischen Oper Albert Herring, komponiert für das kleine Ensemble "The English Opera Group", die er Anfang desselben Jahres mitbegründet hatte. Die Titelpartie des Albert Herring gestaltete Britten einmal mehr zu einer Paraderolle für seinen Lebensgefährten, den Tenor Peter Pears. Es handelt sich bei Albert um den schüchtern-verklemmten Sohn einer kleinstädtischen Gemüseladenbesitzerin, der es gegenüber seiner dominanten Mutter noch nicht zu einer eigenständigen Position gebracht hat. Eine Gesellschaft von Honoratioren um Lady Billows wählt Albert in Ermangelung einer ausreichend tugendhaften Kandidatin stellvertretend zum "Maikönig". Bei den Feierlichkeiten macht Albert erstmals Erfahrungen mit Alkohol und verschwindet anschließend auf rätselhafte Weise, so dass man bereits befürchtet, er sei tödlich verunglückt. Allerdings kehrt er bald gesund zurück und gesteht freimütig, dass er sein Preisgeld versoffen und danach im Rinnstein gelegen hat. Mit dieser Tat befreite er sich aus dem Bann seiner Mutter.
Die vorliegende Aufnahme von 1996 kann nur als brillant bezeichnet werden: Ein hervorragendes Sänger-Ensemble u. a. mit Gerald Finley, Robert Lloyd und Felicity Palmer gesellt sich um den höchst qualifizierten Christopher Gillett in der Hauptrolle. Britten sorgte durch seine ausdrucksstarke, die spießig-bürgerliche Atmosphäre mit all ihrer moralischen Überzogenheit überzeugend und unterhaltsam abbildende Musik für eine grandiose Vorlage, auf deren Basis sich das von Steuart Bedford geleitete Ensemble trefflich zu entfalten vermag. Sehr bedauerlich ist, dass der Text nicht wenigstens in der Originalsprache abgedruckt werden konnte, denn bei dem Tempo des Stücks ist es wohl allenfalls dem Native Speaker möglich, die Dialoge wirklich detailliert zu verfolgen. Aber das war wohl zum Naxos-Preis nicht zu machen.

Michael Wersin, 11.10.2003



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