Schwamm über Britten: natürlich, Janine Jansen spielt das Violinkonzert des Engländers fabelhaft, kochend-intensiv, saugt sich fest in die Saiten und entlädt eine Intensität, die dem Werk alle Ehren antut – und auch das London Symphony Orchestra hat bei dieser Aufnahme einen guten Tag erwischt. Doch das Opus macht nicht so recht glücklich, hier nicht und auch sonst nicht, selbst wenn in letzter Zeit sich die Bemühungen mehren, es endlich ins Repertoire zu hieven. Das ganze Pathos wirkt weitgehend wie auf eine harmlose Form bloß notdürftig aufgetackert, nicht mal sonderlich tragisch, einiges eher komisch: so wie gleich die Eröffnung, die ehrgeizig die Paukenschläge des Beethovenkonzerts aufgreifen will, dann aber doch nur wie eine Instrumentalversion des beliebten amerikanischen Weihnachtslieds "Der kleine Trommler" klingt.
Dann lieber der echte Beethoven, zumal in dieser Einspielung. Schon die erwähnte Orchesterexposition macht baff. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen baut unter Järvi eine Spannung auf, als gälte es, barocke Akzentuierungspraxis und die Mannheimer Rakete gleichzeitig ins romantische Orchester zu injizieren. Der Ensembleklang ist muskulös und wuchtig und reagiert dennoch mit einer Schnelligkeit und Präzision auf die Winke Järvis, als seien die Pulte nur einfach besetzt. Einige Sforzati sind geradezu sensationell in ihrer Plötzlichkeit. Wenn Jansen dann mit dem ersten Solo einsteigt, ist die Sache eigentlich schon in trockenen Tüchern. Spürbar animiert von der großartigen Vorgabe schaut Jansen dem Werk gründlich in alle Ecken, lässt sich von seiner Lyrik hinreißen zu hauchdünnem Geflüster, singt lang und klar im sotto voce, gibt viel Luft unter ihren Bogen, löst ihn, lässt ihn schweben und verklammert diese tief nach innen gehenden Momente formal mit dem entschiedenen Willen, gemeinsam mit der ganzen Mannschaft bei Bedarf sehr nachdrücklich auf den Tisch zu hauen. Solchen Nuancenreichtum gibt das Konzert nicht oft her, so viel Dynamik erst recht nicht. Was das Orchester betrifft, zweifellos eine Referenzaufnahme. Janine Jansen ist zumindest nahe dran. Hier und da neigt sie zu Manierismen, die sie gar nicht nötig hat: Das kaum noch wahrnehmbare Pianissimo im Larghetto etwa schießt deutlich übers Ziel hinaus. Bei Ligeti und Feldman kann man das machen, bei Beethoven noch nicht. Das meiste aber stimmt – und wie!

Raoul Mörchen, 16.01.2010



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