Man sollte nie vergessen, dass Tschaikowskis "Schwanensee" zwar heute das beliebteste und berühmteste Ballett überhaupt ist, dass es aber bis nach dem zweiten Weltkrieg außerhalb Russlands nur selten komplett gespielt wurde. Die erste vollständige Aufführung im Westen fand 1934 in London beim damaligen Sadler's Wells Ballet statt, choreografiert hatte sie Konstantin Sergejew, einem Russen, dem es gelungen war, seine Notate der bereits veränderten Tanzsequenzen des alten Petipa für den ersten und dritten Akt sowie der weißen Akte von Lew Iwanow außer Landes zu schmuggeln. Auf diese und zwei, drei andere Versionen berufen sich seither alle gezeigten Varianten des Klassikers. 1980 war die Fassung des Royal Ballet schon einmal mit Natalia Makarova und Anthony Dowell aufgezeichnet worden (auf DVD verfügbar), trotzdem war es Zeit für eine Neueinstudierung und -dokumentation. Die besorgte der damalige Siegfried, Anthony Dowell. Doch richtig glücklich wird damit nur der Kenner. Der kann einige Umstellungen und Abweichungen von den gängigen Erzählweisen feststellen, besonders von dem in den Sechzigerjahren von Frederick Ashton überarbeiteten, weniger akademischen, dafür in seinen schmiegsamen Figurationen sensibler gewordenen vierten Akt. Empfindlich gestört wird der Eindruck freilich durch Yolanda Sonnabends brokatstrotzend zaristische, Farbergé-Glanz evozieren wollende und doch nur billig wirkende Ausstattung. Marianela Núñez in der Protagonistinnen-Doppelrolle und Thiago Soares sorgen für südlich-exotische Exaktheit zwischen dem britisch korrekten Corps de Ballet.

Matthias Siehler, 06.02.2010



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