Auch für Komponisten war das Älterwerden durchaus ein Kreuz. Weshalb so mancher, wie etwa Mussorgsky, sich musikalisch gerne mal den "Traum der eigenen Tage zurückrief, die nun ferne sind" (Chamisso). Mit Erinnerungen an eine schöne, vergnügliche Kindheit musste sich hingegen ein Rossini nicht rumplagen. Schließlich steckte selbst mit 65 Jahren in ihm noch das Kind im Manne. Nicht, dass er in kurzen Hosen seine Gäste empfing, die zu einem seiner berühmten Musiksalons geladen waren. Aber mit treffsicherer Unbekümmertheit konnte er sich gar in die Seele eines Babys versetzen, das die Mama anhimmelt und zwischendurch aufs Nachttöpfchen schielt. "La Chanson du bébé" heißt diese ariose Zuckerstange, mit der Rossini en passent gleich noch eine parodistische Spitze auf Offenbach und dessen Muse Hortense Schneider losließ. Zu finden ist dieses Lied im riesigen Spätwerk mit dem Titel "Alterssünden", das Rossini ab 1857 für den Salon-Gebrauch komponierte. Mal für Klavier solo, mal für Stimmen aller Couleur.
Die jetzt ausgewählten, vokalen "Péchés de Vieillesse" porträtieren in herrlichster Breite den großen Amuseur Rossini. Vom alpinesk-folkloristischen Frauenduett über einen Männerchor, der sich mit breiter Titanenbrust mit Zeus anlegt, bis hin zu einer pastoral entspannten "Ariette villageoise". Und wenn Rossini zwischendurch den Hörer nach Spanien schickt, nach Sevilla und Granada, kommt es zur belcantistisch belebten Versöhnung zwischen Kunst- und Volksmusik. Voraussetzung dafür ist aber, dass man diese Ohrenschmeichler bloß nicht auf die leichte Schulter nimmt. Und genau daran hat sich – bis auf die erschreckend kurzatmige Mezzo-Sopranistin Catherine Wyn-Rogers – ein Sängerteam gehalten, das mit delikater Verve, exquisiter Tonschönheit und charmantem Augenzwinkern den jung gebliebenen Altmeister Rossini ehrt.

Guido Fischer, 20.02.2010



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