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Joseph Haydn

Die wüste Insel

Ulrike Hofbauer, Barbara Kraus, Christian Zenker, Reinhard Mayr, L'Orfeo Barockorchester, Michi Gaigg

DHM/Sony Music 86975 7985-2
(79 Min., 7/2009) 1 CD

Ein frühes Dschungelcamp, könnte man meinen: Zwei Schwestern verschlägt es auf eine "Isola disabitata", nachdem Jahre zuvor ihr Schiff mitsamt Geliebten von Piraten gekapert und von einem Sturm an das einsame Eiland getrieben wurde. Was RTL heutzutage an Brechreiz verursacht, das muteten Haydn und sein Librettist Metastasio seinem adligen Esterházy-Publikum 1779 allerdings noch nicht zu. Die Heldinnen kämpfen in dieser 1802 von Johann Otto Heinrich Schaum übertragenen "Azione teatrale" auch nicht à la Robinson Crusoe mit Natur-Unbilden, sondern mit erhabenen Gefühlen, sprich: mit unglücklicher Liebe. Als Fernando, Constanzes im wahrsten Sinn Verflossener, mitsamt Freund Enrico auf die Insel zurückkehrt, müssen alle vier Beteiligten bis zum glücklichen Ende noch einige innere und äußere Irrungen und Wirrungen über sich ergehen lassen, die in den damals üblichen Theaterfundus gehören (schon der Name "Constanze" spricht da Bände), die aber heute kein Garant mehr gegen Langeweile sind. Das gilt auch für die recht lange Kette von orchestral begleiteten Rezitativen, in denen Haydn die Handlung vorantrieb. Da mögen sich das makellos schlank agierende Gesangsquartett und das quicklebendige L'Orfeo Barockorchester noch so glutvoll ins Zeug legen: Irgendwann lechzt man dann doch nach den Arien. Die allerdings haben es in sich. Was Haydn hier (wie in der rabiaten Sturm-und-Drang-Ouvertüre und dem um 1800 nachkomponierten Happy-End-Quartett) an aufwühlenden und anrührenden, melodienseligen und harmonisch gewagten Einfällen zum Besten gibt, das zählt auch zum Besten, was er in seinem abgelegenen Fürstencamp ausbaldowerte. Und aus dem Michi Gaigg mit ihrer deutschsprachigen Ersteinspielung zweifellos das Möglichste an Bühnenleben herausgeholt hat.

Christoph Braun, 27.02.2010



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