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Joseph Joachim Raff

Die Sinfonien, Orchestersuiten und Ouvertüren

Bamberger Symphoniker, Hans Stadlmair

Tudor/Naxos TUD1600
(636 Min., 1999-2008) 9 CDs

Da hätten wir noch so einen Deutschen, an dem sich die Eidgenossen ihr Gemüt erhitzen können. Joseph Joachim Raff wuchs zwar in Lachen am oberen Zürichsee auf, sein Vater aber war ein Württemberger, der 1810 vor einer Zwangsrekrutierung in die Schweiz floh. Dessen musisch hochbegabter Junge, ein Autodidakt, wurde in Folge eines "Jugendstreichs" als "unerwünschter Ausländer" aus dem Kanton Schwyz ausgewiesen und gelangte über einige Umwege und Förderer wie Mendelssohn und Liszt nach Köln und Weimar. Hier schrieb der 37-Jährige 1859 seine erste Sinfonie, 1876 in Wiesbaden seinen letzten, elften Gattungsbeitrag – im selben Jahr also, als Brahms seine Erste vorlegte. Apropos: Die Zeitgenossen stellten beide noch nebeneinander in die vorderste Reihe, während die Nachwelt bekanntermaßen anders wertete. Hiergegen dirigiert der 80-jährige Hans Stadlmair seit elf Jahren an – mit gutem Grund, wie seine vollständige Einspielung aller Orchesterwerke zeigt. Sicher: Brahms' Vierlingen kann Raff in seiner stark von Mendelssohn und Schumann beeinflussten, zwischen "Neudeutschen" und "Konservativen" lavierende Tonsprache nicht Paroli bieten. Aber seine melodische Fasslichkeit und seine von Hörnerglanz und warmem Holz getragene Klangkultur sind es wert, endlich auch in unseren Konzertalltag (wieder) Eingang zu finden. Nicht stören darf man sich an der (damals üblichen) nationalromantisch-deutschkonservativen Titelei ("An das Vaterland", "Im Walde", "Lenore", "In den Alpen", Suite "Aus Thüringen") und vor allem am "Vorbericht" zur ersten Sinfonie, der vor "deutschem Volkstum", "Weidwerk" und " treuer Gatten- und Kindesliebe" nur so trieft. Doch erstens: was bei Smetana, Brahms, Bruckner, geschweige denn Wagner niemand stört(e), das sollte man auch Raff nicht krumm nehmen. Und zweitens: Auch dieser kochte weit mehr mit Noten als mit dem programmatischen Beiwerk, sprich – man kann seine Kunst getrost auch als "absolute" genießen. Die Bamberger Symphoniker sind mit ihrem samtigen, runden Wohlklang bestens prädestiniert für diese hochromantische, wenn man will: erd- und naturverbundene Klangsprache. Und Stadlmaier ist ein denkbar sorgfältiger Anwalt für die Raff-Renaissance. Nur das Rhythmisch-Spritzige – das liegt beim Marco-Polo-Konkurrenten Urs Schneider und dessen Slowakischen Philharmonikern in strafferen Händen.

Christoph Braun, 13.03.2010



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