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Frédéric Chopin

Nocturnes

Nelson Freire

Decca/Universal 478 218-2
(102 Min., 12/2009) 2 CDs

Wie sagte es einmal so schön der Schriftsteller und Komponist E. T. A. Hoffmann: "Wo die Sprache aufhört, da fängt die Musik an." Und wie zart kann ein solches Beginnen sein. Als käme sie aus dem Nichts, schwebt die Melodie des b-Moll-Nocturnes von Frédéric Chopin in die Welt hinein, untermalt von sanft wogenden Basswellen. Ein Larghetto. Und zugleich, folgt man der Chronologie der Veröffentlichung, erstes Werk jener Gattung, die den Komponisten über mehr als 15 Jahre seines Lebens begleitete, als eine Art klingendes Tagebuch. Die Intimität der Mitteilungen – in der vorliegenden Einspielung von Nelson Freire wird sie in jedem Takt deutlich. Und ebenso, wie sehr Chopin die Oper liebte, den Belcanto eines Vincenzo Bellini oder Gioacchino Rossini. Doch nicht das Virtuose der Arien steht hier Pate. Sondern das Inwendige, Introvertierte. Mit extrem kultiviertem und fein pedalisiertem Anschlag geht der brasilianische Pianist zu Werke. Und er erzählt diese Nachtstücke, deren Vorbild wir in den Nocturnes des irischen Komponisten John Field finden, wie beiläufig, ohne groß Aufhebens davon zu machen, zugleich mit einer betörenden Intensität der Mitteilung. Fast durch die Bank ist Freires Diktion hyperdezent, lyrisch, mit Melancholie getränkt. Ein jedes Nocturne wirkt so wie eine Reflektion in tönend bewegter Form, die das Traumverlorene der Stücke weit mehr betont als ihr zuweilen aufblitzendes dramatisches Potenzial. Es wirkt wie pure Poesie. Auffällig an Freires Interpretation ist zudem durchweg der ruhige, zurückgenommene Atem, die mild-luzide Tönung, die sublime Diktion. Das sotto voce dominiert. Kaum einmal verlässt Freire den Piano-pianissimo-Raum. Und nur sehr angedeutet, vage sind seine Akzente. Perfekt zudem die Balance zwischen Melodielinie in der Rechten und dem rhythmischen Gerüst in der Linken. Und auch das Tempo rubato, eine der größten Herausforderungen bei Chopin, wirkt absolut organisch. Von Franz Liszt wissen wir, wie Chopin selbst dieses agogische Mittel verwendete: "Du siehst diesen Baum, seine Blätter bewegen sich im Winde hin und her und folgen der leisesten Regung der Luft; der Stamm aber bleibt dabei in seiner Form unbeweglich stehen. Das ist das Rubato von Chopin." Es ist grandios. Wie eine Sucht. Und das in jedem Nocturne. Der Dichter singt. Schildert, ganz leise, als sei es nur angedeutet, eine schlichte Begebenheit, die voller Schönheit und Anmut steckt. Kein Zweifel, mit dieser zauberhaften, ja geradezu altersweisen Aufnahme etabliert sich Nelson Freire als ganz großer Erzähler. Und man fühlt sich erinnert an jenen Ausdruck, den der Schriftsteller Honoré de Balzac für das Klavierspiel von Frédéric Chopin fand. Es sei dies, so Balzac, "wie einer Seele Sang, die zu den Sinnen spräche".

Jürgen Otten, 27.03.2010



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