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Franz Schubert

Die Liederzyklen

Hermann Prey, Leonard Hokanson, Helmut Deutsch

C-Major/Naxos 700208
(202 Min., 1984 u.1986) 2 DVDs

Kein "ernsthafter" Liedsänger der letzten Jahrhunderthälfte (mit Ausnahme seines Freundes Fritz Wunderlich) konnte das Attribut des "Ehrlichen", wenn man will: des "Volkstümlichen" so für sich beanspruchen wie Hermann Prey. Das zeigen auch und gerade die Schubert'schen Zyklen, die der Mittfünfziger in Wien mit seinen beiden langjährigen Begleitern Leonard Hokanson und Helmut Deutsch aufgenommen hatte und die zum letztjährigen 80. Geburtstag des 1998 Verstorbenen wieder veröffentlicht wurden. Dabei verrät schon der TV-Vorspann zur "Schönen Müllerin" vom Februar 1986 die Naturell-Differenz zum distinguiert-seriösen "Rivalen" Fischer-Dieskau: Wohl kaum hätte dieser zur Einstimmung ein real dahinplätscherndes Mühlrad in lieblicher Landschaft gezeigt und ein biedermeierlich-gediegenes Wohnzimmer als Aufnahmeort gewählt. Preys vielgerühmte Fähigkeit, die "Natürlichkeit" der Schubert'schen Liedkunst lebendig werden zu lassen: In dieser "Schönen Müllerin" bleibt sie recht oberflächlich. Sein Bemühen, Textschwerpunkte hervorzuheben, führt zu Übertreibungen ("Hin---weg von dem Mühlensteg!" im "Wiegenlied des Baches"), überdies zu Tempo-Verschleppungen und manchen Koordinationsmängeln mit dem durchweg zurückhaltend agierenden Leonard Hokanson. So öffnet Preys Fokus auf tonmalerische Äußerlichkeiten kaum den übergeordneten Blick für die tragisch stringente Entwicklung dieser unschuldig-hoffnungslosen Liebe. Ein ganz anderes, aufwühlendes Erlebnis bietet der im November 1986 aufgenommene "Schwanengesang". Und das nicht nur des Sujets dieser 14 letzten Lieder wegen (denen Prey Rellstabs "Herbst" hinzugefügt hat). Es ist vor allem das innere Drama, dem der Ausnahmebariton nachspürt und dem er in Heines "Doppelgänger" und Rellstabs "In der Ferne" geradezu physisch schmerzhafte Dimensionen abgewinnt. Sein viele Dutzende Male präsentiertes Paradeopus schließlich, die "Winterreise" (hier vom November 1984), zeigt, wie "perfekt" Preys charakteristisch dunkles Timbre und seine samtenen Piano-Register mit seiner ganz nach innen gewendeten Sicht dieser existentiellen Schubert-Reise korrelieren. Wobei diese Innenschau keine intellektuell gekünstelte, auch keine verstörend-psychopathologische ist, sondern eine zutiefst menschlich anrührende. Über die Kameraführung kann man allerdings nur den Kopf schütteln: Selbst in Schuberts ergreifendsten Harmonien darf man "nur" auf Preys Antlitz blicken, der "Begleiter" bleibt, mag er noch so sehr als eigenständiger Erzähler agieren, abgedunkelt im Hintergrund oder schlicht unsichtbar. Unverzeihlich, gerade bei Schubert und vor allem, wenn dieser so subtil ausgelotet wird wie von Helmut Deutsch.

Christoph Braun, 03.04.2010



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